Von Dr. Alexander Rhode, Geschäftsführer GLOBOGATE
Über die Gewinnung internationaler Pflegekräfte wird viel gesprochen. Für eine Einrichtung zählt am Ende, wer nach drei Jahren noch im Dienstplan steht. Aus einem Jahrzehnt Erfahrung lässt sich ziemlich genau sagen, an welchen Stellen Integration kippt und was eine Heimleitung davon selbst in der Hand hat.
Wenn eine Pflegekraft aus bspw. Kolumbien, Usbekistan, oder den Philippinen am Flughafen ankommen, liegt der anspruchsvolle Teil der Arbeit noch vor allen Beteiligten. Die Rekrutierung ist abgeschlossen, das Visum liegt vor, die Einrichtung hat eine Stelle besetzt. Ob diese Besetzung trägt, entscheidet sich in den folgenden 24 Monaten.
Die ehrlichste Kennzahl in diesem Geschäft ist deshalb die Verbleiberate. Sie beschreibt, wie viele der vermittelten Fachkräfte nach einem definierten Zeitraum noch in derselben Einrichtung arbeiten. Wir begleiten seit fünf Jahren ganze Klassen internationaler Pflegekräfte nach Deutschland und liegen nach einem Jahr bei 99%, langfristig bei 96%. Aufschlussreicher als diese Zahl sind die Fälle, in denen es nicht funktioniert hat. Sie folgen fast immer einem von drei Mustern.
Die Anerkennung zieht sich, die Motivation hält nicht mit
Zwischen Einreise und Berufsanerkennung liegen je nach Bundesland und Aktenlage häufig zwölf bis achtzehn Monate. In dieser Zeit arbeitet eine examinierte Pflegefachkraft als Pflegehilfskraft, zu einem entsprechenden Gehalt, mit einer Qualifikation, die im Dienstplan nicht auftaucht. Wer eine dreijährige Ausbildung und Berufserfahrung mitbringt und in dieser Zeit weder Medikamente stellen noch eine Schicht verantworten darf, hält das aus, wenn er weiß, wie lange es dauert. Ohne diese Auskunft wird aus Geduld Abwanderung, meist in ein Bundesland mit schnelleren Verfahren oder in eine andere Branche.
Vieles davon lässt sich vorziehen. Anerkennungsunterlagen können vollständig eingereicht werden, bevor die Person einreist. Kenntnisprüfung oder Anpassungslehrgang lassen sich terminieren, statt sie nach der Ankunft zu suchen. Und die Einrichtung kann am ersten Arbeitstag transparent machen, welcher Schritt wann ansteht und was sich beim Gehalt mit der Anerkennung ändert. Eine realistische Auskunft trägt weiter als eine optimistische.
Wer allein ankommt, geht auch allein
Die Einzelplatzierung ist der kostengünstigere Weg und zugleich der fragilere. Pflegekräfte, die gemeinsam ausgebildet wurden, gemeinsam einreisen und in den ersten Monaten in erreichbarer Nähe wohnen, überstehen den ersten Winter deutlich häufiger. Das hat wenig mit Sozialromantik zu tun. Heimweh wiegt im Dreischichtbetrieb schwerer als jedes Gehaltsargument, und wer den freien Sonntag allein in einer möblierten Wohnung verbringt, trifft andere Entscheidungen als jemand, der mit vier Kolleginnen kocht.
Für Einrichtungen heißt das: lieber vier Stellen in einer Kohorte besetzen als vier einzeln über zwei Jahre verteilt. Das verlangt etwas mehr Planung im Vorfeld und erspart erfahrungsgemäß mindestens eine Nachbesetzung.
Was außerhalb der Schicht passiert
Wohnungssuche, Ausländerbehörde, Kontoeröffnung, Steuer-ID, Krankenversicherung, später der Familiennachzug. Nichts davon steht in der Stellenbeschreibung, und alles davon entscheidet mit. Wenn die Einrichtung dafür keinen Zuständigen benennt, übernimmt die Aufgabe die Wohnbereichsleitung nebenbei oder niemand. Beides endet ungut, im zweiten Fall erfährt die Leitung meist erst davon, wenn die Kündigung auf dem Tisch liegt.
Die ersten 90 Tage entscheiden mehr als das erste Jahr
In der Praxis bewährt sich ein schriftlicher Einarbeitungsplan, der über die üblichen zwei Wochen hinausgeht. Er umfasst eine feste Ansprechperson außerhalb der Pflegedienstleitung, einen benannten Paten aus dem Team, ein Gespräch nach 30, 60 und 90 Tagen und eine klare Aussage dazu, ab wann welche Tätigkeiten übernommen werden dürfen. Das klingt nach Verwaltung und ist in Wahrheit der günstigste Teil des gesamten Prozesses. Eine Nachbesetzung kostet ein Vielfaches.
Ebenso wichtig ist eine realistische Einschätzung der Sprache. Ein B2-Zertifikat bedeutet nicht, dass eine Übergabe im Nachtdienst gelingt oder dass eine Angehörige am Telefon verstanden wird. Fachsprachliche Weiterbildung in den ersten Monaten ist deutlich günstiger als ein Abbruch nach acht.

Foto: GLOBOGATE GmbH
Nicht nur die Fachkraft, auch das Team muss vorbereitet sein
Ein Punkt, der in der Debatte selten auftaucht: Die Integration scheitert genauso oft am bestehenden Team wie an der neuen Kollegin. Kolleginnen und Kollegen, die wissen, warum jemand mit abgeschlossenem Examen zunächst als Hilfskraft geführt wird, reagieren anders als solche, die es nicht wissen. Eine halbe Stunde Information im Vorfeld verhindert Monate an Reibung. Wo Einrichtungen das ernst nehmen, verändert sich die Stimmung im Haus spürbar, und zwar auch für die deutschen Beschäftigten.
Woran sich ein belastbarer Partner erkennen lässt
Für Heimleitungen, die über eine internationale Rekrutierung nachdenken, gibt es einige Fragen, die sich vor Vertragsabschluss stellen lassen und viel Ärger ersparen. Wie hoch ist die Verbleibequote nach 24 und nach 36 Monaten, und wie wird sie berechnet? Findet die sprachliche und fachliche Vorbereitung im Herkunftsland statt oder erst nach der Einreise? Wer begleitet die Anerkennung, und wer trägt die Kosten, wenn sie länger dauert als geplant? Gibt es eine Ansprechperson für die Fachkraft nach der Ankunft, und für welchen Zeitraum? Was passiert, wenn eine Vermittlung im ersten Jahr scheitert?
Wer auf diese fünf Fragen keine konkreten Antworten bekommt, sollte das als Auskunft werten.
Der Fachkräftemangel in der Langzeitpflege wird sich über Rekrutierungszahlen allein nicht auflösen. Entscheidend ist die Verweildauer, und die entsteht in der Einrichtung, nicht im Herkunftsland. Die Verbleibequote sagt am Ende mindestens so viel über das aufnehmende Haus aus wie über die Herkunft der Pflegekraft.
Dr. Alexander Rhode ist Geschäftsführer von GLOBOGATE. Das Unternehmen bereitet internationale Fachkräfte im Gesundheitswesen in Lateinamerika, Nordafrika, dem Nahen Osten und Asien sprachlich und fachlich auf den Einsatz in Deutschland vor, bringt sie als Kohorte nach Deutschland und begleitet sie über die ersten Jahre in der Einrichtung.








