Lieferkettengesetz verstehen, Chancen nutzen, Verantwortung übernehmen

von Wibke Berlin (Leitung Nachhaltigkeit & Innovation SozialGestaltung GmbH)

Das Pflegehemd aus Bangladesch, das Obst aus Spanien, Holz für die Betten aus Rumänien – in einer globalisierten Welt ist dies meist selbstverständlich. Selbst wenn bei den meisten Pflegeeinrichtungen die direkten Lieferanten von Medikamenten, Berufsbekleidung, Pflege- und Hygieneprodukten, Lebensmitteln, medizinisch-technischen Geräten oder IT-Dienstleistungen und Software oft regional oder national angesiedelt sind, so sind die mittelbaren Zulieferer und der Ursprung der Rohstoffe in der Regel global zu finden. Doch wissen wir eigentlich, unter welchen Arbeits- und Umweltbedingungen produziert wird? Häufig ist das unklar.

Illustrative Übersicht zentraler menschenrechtlicher Themen wie Kinderarbeit, Arbeitsschutz, faire Löhne, Landraub, Gewerkschaftsbildung und Umweltverstöße.

Das Lieferkettengesetz (LkSG) soll die Menschenrechte und den Umweltschutz stärken. Dazu zählen u. a. die dargestellten. – Grafik: SozialGestaltung GmbH

Das LkSG ist aktuell geltendes Recht in Deutschland. Vor dem Hintergrund der Entwicklungen zur Umsetzung der EU- Lieferkettenrichtlinie (Corporate Sustainability Due Diligence Directive, CSDDD), wird das BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) erstmalig zum 1. Januar 2026 das Vorliegen der LkSG-Berichte bei Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden prüfen. Das betrifft auch viele Unternehmen der Sozialwirtschaft.

Was steckt hinter dem komplexen Namen?

Darstellung verschiedener Risikokategorien des Lieferkettengesetzes, darunter rechtliche, finanzielle, Reputations- und Umsetzungsrisiken.

Diese Risiken können sich aus fehlender Sorgfaltspflicht für die Organisation ergeben – Grafik: SozialGestaltung GmbH

Eine klare Botschaft: Unternehmen sind zur Verantwortung verpflichtet! Global, aber auch in Deutschland, sind in den vergangenen Jahren Verstöße gegen Menschenrechte bekannt geworden: Während der Corona-Pandemie wurden z. B. Lieferungen von Einmalhandschuhen aus Malaysia, hergestellt unter Zwangsarbeit, über Notbeschaffungen ohne Qualitäts- und Sozialstandards eingekauft. Teilweise erfolgten Aufträge deutscher Großwäschereien ohne Nachweis von Sozialaudits.

Die realen Fälle zeigen, dass auch Organisationen in der Pflege ein erhöhtes Risiko in bestimmten Beschaffungsbereichen tragen – selbst, wenn sie formal nicht direkt unter das LkSG fallen.

Herausforderungen bei der Einhaltung der Sorgfalt in der Pflege?

Die Einhaltung der Sorgfalt entlang der Lieferkette stellt Unternehmen der Sozialwirtschaft vor große Herausforderungen. Insbesondere die Komplexität globaler und vielstufiger Lieferketten erschwert es, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielt anzugehen.

Acht Bausteine des Sorgfaltsprozesses im Überblick – von Risikomanagement und Risikoanalysen bis zu Beschwerdeverfahren und Berichterstattung.

Laut dem LkSG sind diese Maßnahmen von Unternehmen umzusetzen und in die Unternehmenspolitik
zu integrieren – Grafik: SozialGestaltung GmbH

In der Praxis zeigt sich, dass aktuell in vielen Unternehmen der Sozialwirtschaft die Transparenz und Datengrundlage über die eigene Wertschöpfungs- und Lieferkette nicht ausreichend vorhanden ist, um entsprechende Risiken adäquat zu bewerten und wirksame Präventions- und Abhilfemaßnahmen abzuleiten. Dies betrifft insbesondere komplexe Träger- und Verbandsstrukturen, mit zentraler Beschaffung über Einkaufsgemeinschaften, Großhändler oder externe Zulieferer.

Unsere Erfahrung zeigt zudem, dass durch Überschneidungen mit weiteren regulatorischen Nachhaltigkeitsanforderungen, administrativen Mehraufwand und unklaren Verantwortlichkeiten, Lücken in den bestehenden Risikomanagementsystemen bestehen. Ein Aufbau eines Lieferketten-Managements oder -Risikomanagements erfordert personelle Ressourcen, klare Prozesse und Know-how. Dies kann zu einer Überforderung führen, wenn Standardisierung oder zentrale Unterstützung durch Dachverbände fehlen.

Wo konkret und pragmatisch ansetzen?

Der Weg beginnt mit einem genauen Blick nach innen – und nach außen. Im ersten Schritt sollten klare Verantwortlichkeiten und Strukturen geschaffen und ein Meldewesen eingerichtet werden. Dann ist die Risikoanalyse durchzuführen. Das bedeutet: Eine systematische IST-Analyse, wo im eigenen Geschäftsbereich Risiken für Menschenrechtsverletzungen oder umweltbezogene Risiken bestehen. Aber auch die direkten Zulieferer müssen auf potenzielle Risiken beleuchtet werden – etwa Reinigungsdienste, IT-Anbieter, medizinische Fachlieferanten oder Lebensmittelgroßhändler. Hier braucht es klare Strukturen, Pragmatismus und Prioritäten.

Schwieriger wird es bei den mittelbaren Zulieferern – also den Unternehmen, die Produkte oder Dienstleistungen für die direkten Zulieferer erbringen wie z. B. die Textilfabriken, die Dienstkleidung produzieren. Eine gründliche Prüfung wird dann erforderlich, wenn konkrete Hinweise auf Risiken (sog. substantiierte Kenntnis) vorliegen.

Anhand der Ergebnisse der Risikoanalyse lassen sich notwendige Maßnahmen ableiten (z. B. Präventions- und Abhilfemaßnahmen, Prozesse, Kommunikation).

Fazit: Menschenrechte sind für die Sozialwirtschaft nicht verhandelbar – sie sind ihr Fundament

Für Organisationen der Sozialwirtschaft bedeuten LkSG und CSDDD auf den ersten Blick regulatorische Herausforderungen, bei näherer Betrachtung bieten sie jedoch erhebliche Chancen zur strategischen Weiterentwicklung, Positionierung und Verbesserung der Wirkungskontrolle im eigenen Geschäftsbereich und entlang der nachhaltigen Lieferkette.

Eine Integration der Sorgfalt – ob berichtspflichtig oder nicht – in das zentrale Risikomanagement, das interne Kontrollsystem oder Qualitätsmanagement ist notwendig, nicht nur als Prüfungsanforderungen, sondern auch im Kontext von Stakeholderanforderungen. Nachhaltigkeit wird daher zunehmend zu einem Thema der Governance, Compliance und Steuerung und hilft dabei, die Verantwortung für das eigene Handeln als sozialwirtschaftlicher Akteur glaubwürdig zu untermauern.

So wird langfristig Vertrauen, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit aufgebaut.

 

Über die Autorin

Wibke Berlin
Leitung Nachhaltigkeit & Innovation
w.berlin@sozialgestaltung.de
nachhaltigkeit@sozialgestaltung.de
Professionelles Porträt einer lächelnden Frau in Business-Kleidung vor hellem Hintergrund.

Autorinnenfoto: SozialGestaltung GmbH

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 02/2025 erschienen.

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