von Dr. med. Sonja Krupp
Wer ein Seniorenheim betritt, der trifft nach wenigen Metern auf typische „Verkehrsmittel“, die ihm signalisieren: Hier wohnen viele Menschen, die in ihrer Gehfähigkeit eingeschränkt sind. Gründe dafür sind bei einigen von ihnen muskuläre Kraftdefizite, bei anderen Bewegungseinschränkungen z. B. durch Kontrakturen oder eine gestörte Koordination verschiedener Funktionen (einschließlich der Sensibilität), so dass z. B. das Gleichgewicht nicht stabil gehalten werden kann. Oft kommen unterschiedliche Komponenten gleichzeitig vor, verstärken so die resultierende Gangstörung und lassen sich schwer voneinander abgrenzen. Zur Wahl des erfolgversprechendsten Therapieweges ist es jedoch wichtig, die Rolle der verschiedenen Funktionsstörungen zu enttarnen.
Die große Bedeutung der Hände für ältere Menschen
Ähnliches lässt sich im Zuge des Alterungsprozesses in Bezug auf den Einsatz der Hände erwarten, jedoch werden diese Beeinträchtigungen weitaus seltener spontan berichtet und sind weniger augenfällig. Ihre standardisierte Erfassung spielt auch im geriatrischen Assessment im Rahmen von Klinik-Aufenthalten nach wie vor eine untergeordnete Rolle und wird nicht als obligater Bestandteil des diagnostischen Prozesses gefordert. So bleibt unklar, wie häufig auf die oberen Extremitäten bezogene Beeinträchtigungen im Alter überhaupt sind, es liegen aber Hinweise darauf vor, dass bislang nur „die Spitze des Eisbergs“ wahrgenommen und ggf. einer Behandlung zugeführt wird. Dabei ist es gerade dann, wenn Funktionseinschränkungen der Beine den Aktionsradius einschränken, womöglich bis hin zur Rollstuhl-Abhängigkeit, desto wichtiger für die Lebensqualität, wenigstens die Hände uneingeschränkt einsetzen zu können.
Bereits 2017 hatte eine Studie an 101 ambulanten und tagesklinischen geriatrischen Patienten im mittleren Alter von 80 Jahren ergeben, dass 53 % von ihnen im Alltag Probleme bei einigen der 18 im „Duruöz Hand-Index“ erfassten Tätigkeiten hatten.
Zur Klärung der Frage, wie häufig Probleme mit dem Handeinsatz bei Personen in geriatrischer Krankenhaus-Behandlung sind, wurden 2024 zu verschiedenen Zeitpunkten alle verfügbaren Patienten im Krankenhaus Rotes Kreuz Lübeck Geriatriezentrum von Doktorandin Maxi Marlen Antpöhler im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit dazu befragt. Etwa jeder Dritte der insgesamt 654 Personen gab an, „im Alltag Probleme bei manchen Tätigkeiten, für die man die Hände braucht“, zu haben. 156 von diesen waren im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie dazu bereit, sich einem weiteren Interview und verschiedenen Tests zu unterziehen. Aus eigener Sicht bestanden bei ihnen am häufigsten Defizite der Feinmotorik im Bereich der Finger, gefolgt von einer reduzierten Handkraft und – an dritter Stelle – der Schwierigkeit, die Hand an den gewünschten Einsatzort zu bekommen. Befragt danach, welche Schulnote die von Einschränkungen betroffenen Patienten der jeweiligen Funktion bei sich selbst ausstellen würden, wurde bei allen drei Komponenten des Handeinsatzes die Note 4 am häufigsten gewählt. In jeweils über 10 % der Fälle wurde sogar die Note 6 vergeben.
Diese Teilnehmenden im mittleren Alter von 83 Jahren gaben als mögliche Ursachen ihrer Schwierigkeiten am häufigsten degenerative und entzündliche Gelenkerkrankungen an, gefolgt von stattgehabten Frakturen. Auf den weiteren Plätzen fanden sich neurologische Erkrankungen: Schlaganfall-Folgen, Parkinson-Erkrankung und das Karpaltunnelsyndrom.
Welche Beeinträchtigungen treten am häufigsten auf?
Die Palette der als beeinträchtigt geschilderten Tätigkeiten war breit gefächert. Fast 2/3 der Befragten gaben in der einen oder anderen Weise Schwierigkeiten beim An- und Ausziehen an, dabei wurde am häufigsten das Knöpfen genannt, aber auch das Öffnen und Schließen von Reißverschlüssen. 40 % der Teilnehmenden beklagten Probleme im Umgang mit dem Essbesteck. Unter anderem wurde das sichere Führen eines vollen Löffels und das Aufspießen mit der Gabel als problematisch angegeben, außerdem das Schneiden oder Bestreichen mit dem Messer. Mehr als 1/3 der Studienteilnehmenden hatte Schwierigkeiten damit, eine Tasse oder ein Glas sicher zum Mund zu führen. 12 Personen konnten kaum das Abnehmen des Deckelchens von Joghurtbechern selbstständig bewältigen.
Knapp jeder Dritte gab das Schreiben als problematisch bis unmöglich an. Die wahre Häufigkeit von Defiziten in diesem Bereich mag eher höher liegen, aber seltener als alltagsrelevant betrachtet werden. 12 Personen führten an, ihre Finger seien so ungeschickt geworden, dass sie nicht mehr in der Lage seien, Näharbeiten auszuführen.
An Tätigkeiten, bei denen vor allem die Greifkraft der Hände gefordert ist, gab mehr als 1/5 der Studienteilnehmenden Probleme mit dem Öffnen von Getränkeflaschen an – ein insbesondere bei alleinlebenden Personen gerade angesichts zunehmender Hitzetage relevantes Gesundheitsrisiko. Für 11 Personen war bereits das Heben von Gegenständen, die über ein Kilogramm wiegen, schwer möglich.
Eine eingeschränkte Beweglichkeit, so dass die Betroffenen ihre Hand nicht an den gewünschten Einsatzort bekommen konnten, hatte am häufigsten Auswirkungen auf die Haarpflege, gefolgt von der Aufgabe, einen Gegenstand, der sich oberhalb der Schulterhöhe befindet, erreichen zu können, z. B. aus einem Schrank zu nehmen.
Fazit
Alle Studienteilnehmenden wurden im Anschluss an das Interview einigen Tests unterzogen, die sich bereits in einer 2019 veröffentlichten Studie in 16 Seniorenheimen zur Anwendung bei den Bewohnenden bewährt hatten. Dort wurde für die Feinmotorik der 20-Cents-Test (mit 20 1-Cent-Münzen) verwendet, die Handkraft mittels Dynamometer gemessen und die Beweglichkeit zwecks Platzieren der Hand über den 8-Punkte-Greifraum-Test erfasst. Sowohl in der aktuellen Studie an Krankenhauspatienten als auch in der Studie an Seniorenheim-Bewohnenden lagen die Mittelwerte in Bezug auf alle drei Testverfahren im pathologischen Bereich. Unter einem dreimonatigen Gruppentraining in den Pflegeeinrichtungen (Lübecker Modell Bewegungswelten) verbesserte sich die Feinmotorik bei 48 %, die Handkraft bei 54 % und die Beweglichkeit bei 43 % der Teilnehmenden. Dies zeigt, dass Störungen des Handeinsatzes auch bei bereits eingetretener Pflegebedürftigkeit und hohem Alter durchaus behandelbar sind.
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 01/2026 erschienen.









