von Tanja Wagner

Die Digitalisierung verändert zunehmend die Welt und natürlich auch die Pflege. Eine Entwicklung, die auch der Altenpflege vielversprechende Chancen bietet. Gleichzeitig stellt die Digitalisierung die Leitungskräfte in den Pflegeeinrichtungen vor neue Herausforderungen: Wie geht man mit sensiblen Daten um? Welche Innovationen sind sinnvoll? Und wie schafft man Akzeptanz seitens der Belegschaft?

Pflege 4.0 – was ist das?

Die voranschreitende Digitalisierung führt zu einer grundlegenden Veränderung des Pflegealltags und Neustrukturierung von ganzen Arbeitsprozessen. Es geht nicht mehr darum Teilprozesse durch technische Hilfsmittel zu unterstützen, in der Zukunft werden vielmehr die Prozesse selbst durch die neuen technischen Möglichkeiten definiert werden. Somit ist die Rede in der Arbeitswelt von der vierten industriellen Revolution, was sich im Pflegebereich als Pflege 4.0 manifestiert hat.

Fokustechnologien

Der Einsatz von digitalen Systemen zielt auf die Entlastung von Pflegekräften. Ein Vorteil, von dem auch Pflegebedürftige profitieren. Die Wunschvorstellung ist eine Zukunft, in der die Technik dabei hilft, dass Pflegekräfte sich mehr auf das Menschliche konzentrieren können Eine Grobeinteilung der Fokustechnologien in der Pflege lässt sich auf die vier Bereiche Robotik, technische Assistenz, Telecare/Telemedizin und elektronische Dokumentation vornehmen.

Viele robotische Systeme für die Pflege werden derzeit in Modellprojekten erprobt und sind noch nicht marktreif. Ein wesentliches Potenzial wird den Systemen zur physischen Entlastung z.B. mittels autonom agierender Hebehilfen und Exoskelette beigemessen. In einem großangelegten Projekt ARiA (Anwendungsnahe Robotik in der Altenpflege) entwickeln Wissenschaftler gemeinsam mit Pflegefachkräften und Pflegebedürftigen Lösungen, wie Roboter sinnvoll eingesetzt werden könnten. Bereits heute im Einsatz sind autonome Service-Roboter, die die Pflegebedürftigen versorgen oder auch fahrerlose Transportsysteme zum automatisierten Transport von Essen, Wäsche oder Medikamenten.

Systeme der technischen Assistenz sollen die Arbeit der Pflegenden effizienter gestalten, indem sie im Hintergrund Daten generieren und somit weniger Kontroll- und Routinetätigkeiten durch die Pflegeperson durchzuführen sind. Beispiele zur Entlastung können sensorüberwachte Dekubitusbetten, Sensormatten mit Alarmfunktion für sturzgefährdete Personen, Freisprecheinrichtungen im Bewohnerzimmer oder eine automatische Nachtlichtsteuerung sein.

Weniger eindeutig ist der Nutzen von Telecare-Lösungen. Darunter werden Pflegeleistungen verstanden, die durch Informations- und Kommunikationstechnologien auf Distanz erbracht werden.

Sie bieten deshalb insbesondere in ländlichen Gebieten Potenziale, falls die pflegerische Versorgung wohnortnah nicht gewährleistet ist. Allerdings könnten durch den fehlenden persönlichen Kontakt wichtige Informationen verloren gehen.

Bereits heute durchgesetzt hat sich die EDV-gestützte Dokumentation. Damit gehören eine Pflegedokumentation mit Stift und Papier, Zettelwirtschaft und unleserliche Schriften der Vergangenheit an. Passende Systeme vereinfachen die Personaleinsatzplanung und die betriebswirtschaftliche Steuerung.

Verbreitung

Die in 2017 von der BGW durchgeführte Befragung zum Einsatz der Fokustechnologien bestätigt eine stärkere Verbreitung als bisher angenommen. Der PC und das Internet werden im pflegerischen Berufsalltag bereits flächendeckend genutzt. Ein Smartphone wird von drei Viertel der Befragten eingesetzt und ein Tablet von 60 Prozent. Die Nutzung EDV-gestützter Dokumentationssysteme liegt in der stationären Altenpflege bei über 80 Prozent. Das ist sogar mehr als in der ambulanten Pflege und den Krankenhäusern. Im Vergleich dazu, kommen die „neueren“ Lösungen noch deutlich seltener zum Einsatz: in der stationären Altenpflege wird technische Assistenz von rund 40 Prozent der Befragten genutzt, ein Viertel verwendet Telecare/-medizin und rund ein Fünftel Technologien aus dem Bereich der Robotik.

Abb.: Verbreitung der Fokustechnologien;
Quelle: Eigene Darstellung, Pflege 4.0 – Forschungsbericht der BGW, 2017

Abb.: Verbreitung der Fokustechnologien Quelle: Eigene Darstellung, Pflege 4.0 – Forschungsbericht der BGW, 2017Legende für Verbreitung der Fokustechnologien Quelle: Eigene Darstellung, Pflege 4.0 – Forschungsbericht der BGW, 2017

Was sagen Pflegende?

Es gibt sehr wenige Erkenntnisse hinsichtlich der Einstellung von zu neuen Technologien. In der BGW-Branchenbefragung 2017 zeigten sich die Pflegenden teilweise interessiert und hatten zugleich kaum Berührungsangst. Insgesamt war die Einstellung überwiegend positiv. Am positivsten unter den Fokustechnologien wurde die elektronische Dokumentation beurteilt.

Es zeigte sich, dass Bekanntheit und Nutzung im Arbeitsalltag sich auf die Bewertung der Nützlichkeit sowie positive wie negative Einstellungen auswirkten. Zu allen Fokustechnologien waren die Befragten der Meinung, dass eine Anwendung im Rahmen von Weiterbildungen besser vorbereitet werden müsste als es derzeit geschieht. Für das Leitungspersonal bedeutet dies, die Pflegenden in die Entwicklung und Etablierung moderner Technologien in der eigenen Einrichtung einzubeziehen. Denn nur durch eigene Erfahrung im Umgang mit Technologien kann die Akzeptanz sichergestellt werden.

Effizienz und Moral vereinbaren

Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Digitalisierung auch in der Pflege voranschreitet, denn schon heute ist sie aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Gegenüber den Chancen des Technikeinsatzes zur Unterstützung der Pflegenden und zur Bewältigung demografischer Herausforderungen, stehen die ethischen Bedenken und Fragen des Datenschutzes. Kritiker befürchten, dass in der Pflege die Humanorientierung durch die Digitalisierung abnimmt. Die zukünftige Herausforderung für Leitungskräfte wird darin liegen, diesen Spagat zwischen Effizienz und Ethik im Sinne der Pflegenden und Pflegebedürftigen zu meistern.

Es bleibt festzuhalten, dass nicht alles, was technisch möglich ist, ethisch sinnvoll ist. Bei aller Euphorie der neuen Möglichkeiten sollten bei der Altenhilfe nach wie vor die menschlichen Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen.

Kurzinfo

Deutscher Pflegeverband e.V.Tanja Wagner
Referentin Deutscher Pflegeverband e.V.

Der Deutscher Pflegeverband e.V. ist eine freie und gemeinnützige Vereinigung. Oberstes Verbandsziel ist die Förderung einer qualitätsorientierten pflegerischen Versorgung. www.dpv-online.de

Der Artikel ist in der Ausgabe 01/2018 zu finden.

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