von Thomas Eckardt
Gehören Sie auch zu den Menschen, die den Satz „Das haben wir schon immer so gemacht!“ aus Ihrem Wortschatz gestrichen haben? Sind Sie auch auf der Suche nach Verbesserungen? Als Führungskraft ist genau das die richtige Grundhaltung. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern sich auf positive Vorbilder und Impulsgeber zu konzentrieren. Allerdings müssen Sie dabei lernen, Altes und Eingefahrenes abzulegen. Das bedeutet, sich von lieb gewonnenen Gewohnheiten zu trennen, um Platz für neue Erfahrungen und Handlungsweisen zu schaffen.
Ihre Aufgabe als Führungskraft ist es, Freiräume für innovatives Arbeitsverhalten zu schaffen, indem Sie Ihre Mitarbeitenden dazu ermuntern, über den eigenen Tellerrand zu schauen, z. B. in andere Betriebe hineinzuschnuppern und sich dort nach Verbesserungsmöglichkeiten umzusehen. Natürlich müssen Sie anschließend auch die Möglichkeit schaffen, die Ideen und Vorschläge Ihrer Mitarbeitenden gezielt in die Tat umzusetzen, denn wer seine Angestellten in ihrem natürlichen Streben nach Optimierungsmöglichkeiten einengt und zu viele künstliche Grenzen setzt, missachtet eine wichtige Erfolgsmaxime: Die Zukunft jedes Betriebes hängt von der Innovationsfreude seiner Mitarbeitenden ab.
Nutzen Sie die Kraft der Neugier – die 7-Schritte-Methode
Innovationsfreude wird von der natürlichen Neugier der Menschen gespeist. Die haben Ihre Mitarbeitenden – Sie müssen sie nur in die richtige Richtung lenken:
Schritt 1: Altes verlernen!
Um wirklich frei für Innovationen zu sein, müssen wir lernen zu verlernen. „Verlernen“ heißt hier, Altes und Überkommenes zu löschen – genau wie im Business-Re-Engineering, in dem man sich nicht darauf konzentriert, Abläufe zu verbessern, sondern ganze Produktionswege neu erdenkt. Fachwissen ist nicht selten ein Hemmschuh auf der Suche nach Innovationen. Viele Fach- und Führungskräfte tragen schwer an ihrer langjährigen Erfahrung. Sie macht es Ihnen oft schwer, sich von Altem und Überholtem zu trennen.
„Verlernen“ bedeutet auch, eine neue Sichtweise, nämlich die des Kunden, anzunehmen und die Fragen zu stellen: „Wie können wir uns gegenseitig die Arbeit erleichtern?“ „Was können wir tun, damit unsere Klientel noch zufriedener mit uns ist?“ Lassen Sie Ihre Mitarbeitenden doch mal Fragen danach stellen, was ihre internen und externen Kunden wirklich benötigen. Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie (oder Ihre Mitarbeitenden) schon wissen, was diese brauchen.
Schritt 2: Freiräume schaffen!
Für Führungskräfte bedeutet das Streben nach Innovation, ein enormes Vertrauen in sich und die Mitarbeitenden zu entwickeln und Abstand von alten Führungsvorstellungen zu nehmen. Genau das ist eine Investition in Ihre Mitarbeiter. Bieten Sie ihnen Experimentierfelder. Es ist sinnvoll, als Führungskraft einen „gärtnerischen Ansatz“ zu vertreten. Das bedeutet, die eigene Rolle im Unternehmen so zu formulieren: „Ich bin Förderer, ich bin Heger und Pfleger meiner Mitarbeitenden, und ich gebe ihnen die Chance, sich zu erproben.“ Diese Autorität müssen Sie als Führungskraft erwerben und sich auch verdienen. Mitarbeitende sind anspruchsvoller geworden. Sie möchten die persönliche Stärke und Reife des Vorgesetzten sehen. Das erleichtert ihnen die Integration in der Organisation und die Identifikation mit dem Unternehmen.
Schritt 3: Innovative Ideen belohnen!
Nichts ist fataler für eine Führungskraft, als sich bei gelungenen Innovationen die Feder an den eigenen Hut zu stecken. Wie wäre es stattdessen mit einem Personalentwicklungsinstrument, das da lautet: „Vorgesetzte werden nur befördert, wenn sie eine Gruppe, ein gutes Team, entwickelt haben?“ So ist der Vorgesetzte gezwungen, die Ergebnisse, Leistungen und Erfolge einzelner Gruppenmitglieder sowie der gesamten Gruppe seinem nächst höheren Vorgesetzten vorzustellen. Hat er eine gute Gruppenleistung erreicht, empfiehlt er sich für weitere Beförderungen, sodass sein Team größer wird.
Hierzulande benennen Vorgesetzte nur ungern die Urheber wichtiger Ideen und Vorschläge. Sie ziehen es vor, sie unter eigenem Namen zu veröffentlichen. Dies hat zur Folge, dass viele Mitarbeitende innerlich Widerstand leisten und keine Vorschläge mehr bringen – nach dem Motto „Wenn ich meine Idee vorbringe, erntet ein anderer die Lorbeeren.“ Kreativer sind hier vor allem die Start-ups, die sich ganz anderen Arbeitsmethoden verschreiben und damit sehr erfolgreich sind.
Moderne Führungskräfte müssen Mitarbeiter dazu ermutigen, Neues zu probieren, Fehler zu machen, aus den Fehlern zu lernen, sich dadurch weiterzuentwickeln und dies als Teil der Unternehmenskultur zu etablieren.
Schritt 4: Weg vom betrieblichen Vorschlagswesen!
Das klassische Modell des betrieblichen Vorschlagswesens ist inzwischen völlig überholt. In einzelnen Branchen mag diese Methode Geld gespart, vielleicht die Produktivität gesteigert haben. In der Regel ist die Wirkung solcher Programme jedoch eher bescheiden. Einige wenige Mitarbeitende erhalten dadurch z. T. extrem hohe Prämien, viele andere gehen leer aus, was natürlich die allgemeine Motivation in Bezug auf Innovationen nicht erhöht.
Das alte betriebliche Vorschlagswesen hat viele negative Seiten, angefangen bei der Zeit, die es dauert, bis der Vorschlag ausgewertet wird, bis hin etwa zu Unklarheiten bei der Vergütung. Dieses System ist auf Einzelne zugeschnitten, Gruppenentwürfe lassen sich nur schwer zuordnen. Alles in allem ist dies kein zeitgemäßes Mittel mehr, um innovativ zu arbeiten.
Zukunftsweisend ist es dagegen, sich nicht an vorgeschlagenen Verbesserungen zu orientieren, sondern an umgesetzten Verbesserungen. Die Vergütung erfolgt anteilig pro Beteiligtem an einer realisierten Verbesserung. Diesen Betrag können Sie in einem Topf sammeln, der am Ende des Jahres zu gleichen Anteilen an alle Mitarbeitenden verteilt wird.
Ein solches System setzt auf die Kreativität, Erfolgsintelligenz und das praktische Können und Wissen aller Mitarbeitenden. Es setzt Vertrauen in die Mitarbeitenden, weil Verbesserungen nur durch Beteiligung vieler verschiedener Menschen im Unternehmen realisiert werden können. Hier wird die Innovationsfreude gefördert und in die richtigen Bahnen gelenkt.
Schritt 5: Prozessorientiertes Handeln!
Prozessorientierung ist der Weg, um innovatives Denken und Handeln im Unternehmen fest einzubauen. „Tayloristisches Kästchendenken“ haben Menschen entwickelt, die segmentiert denken. Wer Durchbrüche im Unternehmen erreichen will, braucht die Übersicht über das gesamte Unternehmen und seine Abläufe.
Prozessorientiertes Denken und Handeln gibt den Mitarbeitern das Gefühl, Teil dieser Geschäftsprozesse zu sein und diese auch lenken und bestimmen zu können.
Schritt 6: Kundenorientierung!
Innovatives Tun setzt eine konsequente Kundenorientierung voraus. Was nützen metallverarbeitende Maschinen mit 70 Funktionen, wenn für die eigenen Kunden nur 20 davon benötigt werden? Innovationsfreudige Unternehmen konzentrieren sich auf die gewünschten Schwerpunkte und Anforderungen der Kunden.
Schritt 7: Eine positive Lernkultur schaffen!
Wenn Sie wirkliche Innovationen im Unternehmen wollen, müssen Sie eine positive Lernkultur etablieren. Das bedeutet, Sie müssen den Mitarbeitenden die Möglichkeit geben, sich immer wieder selbstständig Neues anzueignen. Die Einführung einer positiven Lernkultur darf kein Lippenbekenntnis sein, sondern muss aktiv vorgelebt werden.
Ein Beispiel: Die Mitarbeitenden eines Hotels im bayerischen Wald führen ein Mal im Jahr einen Betriebsausflug durch. Aber dabei wird jedes Jahr ein fremder Betrieb besucht. Die Mitarbeitenden werden als Gäste einquartiert. Sie strömen aus, untersuchen das Unternehmen, vergleichen Abläufe, notieren sich, was dieser Mitbewerber besser gelöst hat, werden von den Beispielen angeregt, neue Ideen zu entwickeln. Natürlich gibt es auch ein entspannendes und fröhliches Rahmenprogramm, in dem das Miteinander nicht zu kurz gekommen ist. Doch zugleich hat das gesamte Team wertschöpfend gearbeitet. Der Betriebsausflug hat nicht nur Kosten verursacht, sondern die Beteiligten haben Erträge produziert, indem sie gute, wirksame Ideen in ihr Unternehmen hineinbringen und umsetzen. So fühlen sie sich häufig bestätigt und können sagen: „Wir haben schon so viel positive und gute Abläufe in unserem Unternehmen realisiert, wir sind auf dem richtigen Weg.“
Hier sind zwei positive Effekte zu beobachten: Zum einen wird das Team durch gemeinsame Aktivitäten zusammengeschweißt, zum anderen werden die betrieblichen Belange vorangebracht, indem Abläufe verbessert werden. Dieses System ist zukunftsweisend.
Dieses Vorgehen hat verschiedene Vorteile: Zum einen ermöglicht es, den Kunden besser kennenzulernen, persönliche Kontakte zu knüpfen, mehr Verständnis für seine Belange zu entwickeln und für die Verwaltungsmitarbeiter einen einheitlichen Wissensstand in Bezug auf den Kunden zu erzeugen.
Zum anderen gewährleistet es, dass Betriebsausflüge nicht zur reinen Amüsierveranstaltung verkommen, sondern dass – neben dem gemeinsamen Feiern – der betriebliche Auftrag im Auge behalten wird, nämlich den Kunden zu entdecken und Kontakte zu knüpfen. Hier schließen sich Unterhaltung, Gruppenbildung und Wertschöpfung nicht aus.
So fördern Sie Innovationen
Um die Innovationsbereitschaft im Betrieb zu steigern, empfiehlt sich die „Monte-Carlo-Methode“:
Vorstand, Hauptabteilungsleiter und Abteilungsleiterebene führen pro Jahr zehn Gespräche von etwa einer Stunde Dauer mit Mitarbeitenden, die ihnen per Los zugeteilt werden.
Durch diese zehn Gespräche bekommen die Vorgesetzten ein gutes Bild von ihrem Gesamtunternehmen, denn sie werden zufällig mit Gesprächspartnern zusammengebracht, mit denen sie sonst nie ein Wort wechseln, ja, die sie nie zu Gesicht bekommen würden.
Dieses Modell, Jahr für Jahr durchgeführt, erweitert den Horizont der Vorgesetzten ungemein und aktiviert innovatives Tun.
Andere Unternehmen fördern das „Sabbatjahr“, in dem sich die Mitarbeitenden ganz anderen Aufgaben widmen. So kann etwa ein Informatiker ein Jahr lang in der Krankenpflege arbeiten oder ein Wirtschaftswissenschaftler eine künstlerische Tätigkeit ausüben. Wenn diese Personen dann wieder in das Unternehmen eintreten, befruchten sie es mit einer Vielzahl von Ideen, mit neuem Engagement und Energie. Eine Unternehmenskultur, die es erlaubt, mit „aufgetankten“ Menschen zu arbeiten, die neue Perspektiven mitbringen, wird mit einem erhöhten Innovationsgrad belohnt.
Rechnen Sie mit Widerstand und kontern Sie mit Strategie
Selbstverständlich werden Sie bei vielen neuen Ideen mit Widerständen einzelner Mitarbeiter oder Mitarbeitergruppen zu rechnen haben. Weil nichts schwerer ist, als den Prozess der Erneuerung zu initiieren. Hier ist blanker Aktionismus wirklich nicht gefragt. Vielmehr ist strategische Planung angesagt.
Die Förderung von innovativem Tun ruft selbstverständlich auch Ängste und verdeckte Konkurrenz hervor. Es gibt Menschen, die sich überfordert fühlen, Angst haben, Besitzstände abzugeben oder als Minderleister enttarnt zu werden. Seien Sie hartnäckig bei der Etablierung der Innovationskultur!
Eine Erkenntnis aus der Denk- und Kreativitätspsychologie lautet: Kombinieren Sie einen utopischen Vorschlag mit einer konservativen Idee. Es gibt nie nur eine einzige optimale Lösung, sondern nur die optimale Lösungskombination.
Widerstände gehören selbstverständlich mit dazu. Betrachten Sie Widerstände als Lernhilfen, die überwunden werden müssen. Sprechen Sie diese in Ihrer Mitarbeiterschaft an, sobald Sie merken, dass Sie selbst innere Widerstände aufbauen. Dies sind Signale für Sie, die Ihnen zeigen, dass Sie in einer Wachstumszone angelangt sind.
Wer Visionen hat, braucht keinen Arzt (sondern Durchhaltevermögen)
Finden Sie die Balance zwischen wirksamem Pragmatismus, d. h., der planvollen, klaren Umsetzung und großen Ideen. Entwickeln Sie Visionen. Große Entwürfe und große Ziele brauchen Visionen. Denken Sie an Thomas Alba Edison. Gefragt danach, ob er nach 5.000 Fehlversuchen nicht aufgeben wollte, antwortete er: „Nein. Ich hatte keine Fehlversuche. Ich kenne heute 5000 Wege, wie man keine Glühbirne baut.“
Gönnen Sie sich neue Perspektiven
Sie fragen sich, wie Sie auf Innovationen kommen? Angestrengtes Nachdenken hilft da weniger, entspanntes Treibenlassen umso mehr. Hier ein paar ganz einfache Vorschläge, wie Sie innovationsfreudiger werden:
- Fahren Sie neue Wege zum Büro.
- Erkunden Sie eine Stadt ohne Stadtplan.
- Beschäftigen Sie sich mit Themen, die Sie sonst nicht interessieren: Gehen Sie als Techniker in ein Kunstmuseum; gehen Sie als Künstler in einen technischen Betrieb.
- Probieren Sie selbst etwas aus, legen Sie Hand an. Nicht damit Sie es besser können, sondern damit Sie inspiriert werden, Neues auszuprobieren.
- Träumen Sie, schließen Sie die Augen und brechen Sie geistig zu neuen Horizonten auf.
Bevor Sie schlafen gehen, programmieren Sie sich und Ihr Unbewusstes mit der Frage: „Wie kann ich dieses und jenes verbessern?“
- Nehmen Sie diese Fragestellung mit in den Schlaf, indem Sie sie mehrmals wiederholen.
- Legen Sie sich einen Block und einen Stift bereit.
- Wenn Sie nachts oder am nächsten Morgen aufwachen, notieren Sie sich Ihre ersten Gedanken.
- Sie sollten gute Ideen gleich auf Ihrem Smartphone festhalten. Ob Sie sie diktieren oder kurz skizzieren, ist egal. Hauptsache, Sie vergessen sie nicht.
- Legen Sie sich einen Trend- und Innovationsordner an, in dem Sie alles Neue dokumentieren. Nicht jede Idee muss sofort realisiert werden. Sammeln Sie sie. Schauen Sie sie immer wieder nach Verwendbarkeit durch, denn nicht immer ist die Zeit für eine Sache schon reif.
- Versuchen Sie auch, neue Perspektiven zu übernehmen. Stellen Sie sich vor, nicht nur mit den Augen des Kunden, sondern mit denen eines dritten, eines Unbeteiligten, zu sehen. Was Ihnen dann durch den Kopf geht, kann ein guter Motor, ein guter Ideengeber für zukünftige Innovationen sein.
- Lassen Sie sich auch von verrückten Ideen nicht abschrecken. Sie gehören dazu. Sie sind wertvoll.
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 01/2026 erschienen.







