von Dr. Tina Schomacher (Internistin und Oberärztin am Universitätsklinikum Münster, beratende Ärztin der DZG)

Porträt von Dr. Tina Schomacher, Internistin und Expertin für Zöliakie im höheren Lebensalter.

Dr. Tina Schomacher – Foto: DZG

Für Menschen mit der Autoimmunerkrankung Zöliakie ist die Suche nach einem geeigneten Seniorenheim oft schwierig. Betroffene müssen sich strikt glutenfrei ernähren; eine Herausforderung, der sich nicht jede Küche und nicht jeder Caterer stellen können. Zöliakie kann in jedem Lebensalter vom Kleinkind bis zum Greis auftreten. Bei Seniorinnen und Senioren wird die Diagnose oft erst um viele Jahre verzögert gestellt, da die Symptome häufig völlig atypisch sind.

Warum wird Zöliakie im Alter häufig übersehen?

Bei älteren Menschen zeigt sich eine Zöliakie häufig anders als bei jüngeren Personen. Die klassischen Symptome wie wiederkehrender Durchfall, ausgeprägte Bauchschmerzen oder deutlicher Gewichtsverlust stehen seltener im Vordergrund. Stattdessen treten eher unspezifische Anzeichen auf, die zunächst schwer einzuordnen sind. Dazu zählen chronische Müdigkeit, Eisenmangel oder Blutarmut, Osteoporose oder auch neurologische Beschwerden wie Kribbeln in Händen und Füßen. Die Hautkrankheit Dermatitis herpetiformis ist eine häufige Begleiterkrankung der Zöliakie und zeigt sich durch stark juckende, bläschenartige Hautausschläge, vor allem an Ellenbogen, Knien, Gesäß und Kopfhaut.

Neurologische und psychiatrische Auffälligkeiten

In seltenen Fällen können ältere Betroffene neurologische Symptome entwickeln, die auf den ersten Blick nicht mit Zöliakie in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören Kribbeln und Taubheitsgefühle in den Extremitäten, Bewegungs- oder Haltungsstörungen oder sogar kognitive Einschränkungen („Brain Fog“). Viele Betroffene berichten zudem über depressive Verstimmungen, Gangunsicherheit oder unspezifische Schmerzen. Da diese Beschwerden häufig dem Alter selbst zugeschrieben werden, bleibt die Zöliakie als mögliche Grunderkrankung oft lange oder für immer unentdeckt.

Bei älteren Menschen, bei denen erstmals eine Zöliakie diagnostiziert wird, ist eine verminderte Knochendichte sehr häufig. In einigen Studien wird eine Osteopenie oder Osteoporose bei bis zu 70 % der Betroffenen angegeben. Unter Osteopenie versteht man eine beginnende Abnahme der Knochendichte, bei der die Knochen zwar geschwächt, aber noch nicht bruchgefährdet sind. Osteoporose ist die weiter fortgeschrittene Form: Die Knochen werden porös und brechen leichter, oft schon bei geringem Sturz oder Belastung. Betroffen sind oft Handgelenke, Hüften und Wirbelsäule.

Eine glutenfreie Ernährung kann die Knochendichte wieder verbessern, doch im höheren Alter verläuft dieser Aufbau langsamer und bleibt häufig unvollständig. Deshalb sollte bei jeder neu festgestellten Zöliakie im Seniorenalter eine Knochendichtemessung sowie eine Kontrolle der Calcium- und Vitamin-D-Spiegel erfolgen. Eine frühzeitige Diagnose und konsequente Behandlung helfen, Osteoporose und Frakturen vorzubeugen sowie die Lebensqualität deutlich zu verbessern.

Diagnostik im höheren Lebensalter

Die Untersuchung auf Zöliakie läuft bei älteren Menschen grundsätzlich so ab wie bei Jüngeren. Mit einer Blutuntersuchung wird geprüft, ob bestimmte Antikörper vorhanden sind. Wenn die Blutwerte trotz typischer Beschwerden unauffällig sind, sollte eine Gewebeprobe aus dem Dünndarm entnommen werden (Biopsie).
Unter dem Mikroskop sucht man dort nach typischen Veränderungen der Darmschleimhaut. Wichtig ist, mehrere Proben aus verschiedenen Bereichen des Dünndarms zu entnehmen, um eine sichere Diagnose zu stellen.

Bei älteren Menschen mit unklaren Symptomen wie Blutarmut, Nährstoffmangel oder erhöhten Leberwerten, sollte auch bei niedrigen Antikörpertitern an eine Zöliakie gedacht und gegebenenfalls eine Biopsie erfolgen.

Eine konsequente glutenfreie Ernährung lohnt in jedem Alter. Sie kann zu einer spürbaren Verbesserung von Wohlbefinden, Allgemeinzustand und Lebensqualität führen und ist aktuell die einzige wirksame Therapie der Zöliakie. Auch ältere Betroffene profitieren deutlich: Müdigkeit, Anämie und Nährstoffmangel bessern sich häufig innerhalb weniger Monate. In manchen Fällen verbessern sich sogar neurologische Symptome. Eine konsequente Diät senkt zudem das Risiko für Osteoporose.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 01/2026 erschienen.

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