von Helga Dill

Stationäre Pflegeeinrichtungen verstehen sich als Orte des Lebens. Aber die an sie gerichteten Ansprüche verändern sich. Heime müssen sich darauf einstellen, immer mehr zu Sterbeorten zu werden. Für die Einrichtungen bedeutet dies, neben aktivierender Pflege und tagesstrukturierenden Angeboten auch palliative Pflegekompetenz und Hospizkultur im Portfolio zu haben. Im angespannten Pflegealltag ist dieser Spagat eine Herausforderung.

Sterben gehört zur Altenpflege dazu. Innerhalb eines Jahres stirbt einer von drei Bewohnern[1]. Die meisten dieser Menschen (im Mittel 22) wurden bis zu ihrem Lebensende in einem Heim betreut. Durchschnittlich acht starben im Krankenhaus und einer im Hospiz. Die größten Chancen im letzten Zuhause, dem Heim, sterben zu können, haben Bewohner von Einrichtungen, die in frei-gemeinnütziger Trägerschaft sind, bei denen die Pflegedienstleitung eine Weiterbildung in Palliative Care von mindestens 160 Stunden hat, in denen eine gute Kooperation mit Hausärzten gelebt wird und die Mitglied in einem Hospiz- und Palliativnetzwerk sind. Leitbild und Qualifizierung spielen für die Hospizkultur im Pflegeheim demnach eine zentrale Rolle.

Der Trend geht aber zu einer immer kürzeren Verweildauer in der stationären Pflege. Austherapierte alte Menschen werden immer häufiger aus dem Krankenhaus ins Pflegeheim überwiesen. Oft geht es bei diesen Patienten um eine gute pflegerische Versorgung, kompetente Schmerztherapie und die Sicherung größtmöglicher Lebensqualität in der letzten Lebensphase – klassische Hospizaufgaben. Hospizplätze sind aber rar und so wird diese Aufgabe auf die stationäre Pflege verlagert. Die Pflegeheime sollen Hospizkultur und Palliativkompetenz bieten. Anstrengungen in diesem Bereich werden aber nicht refinanziert und auch für die Bewohner ist das Pflegeheim teurer als das Hospiz (SGB V/SGBXI).

Zentrale Forderung von Palliative Care ist eine radikale Bewohnerorientierung. Dies ist für die Altenpflege nichts Unbekanntes. Aber: Wo Zeit und qualifiziertes Personal fehlen, ist Bewohnerorientierung schwer umzusetzen. Hier muss sich eher der Bewohner an die Bedürfnisse der Organisation anpassen. Dies genügt nicht den Standards qualifizierter Altenpflege – und widerspricht palliativer Pflege vom Grundsatz her.

Bedeuten Hospizkultur und Palliativkompetenz für die stationären Einrichtungen also nur, sich an die eigenen Standards zu erinnern und sie ernst zu nehmen? Nicht ganz. Denn Palliativpflege benötigt spezifisch fort- und weitergebildetes Personal. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Palliativkompetenz und eine Hospizhaltung dort besonders verankert sind, wo das Leitungspersonal – im Wesentlichen die Pflegedienstleitung –  über eine Weiterbildung in Palliativ Care verfügt. Noch besser, wenn möglichst viele Mitarbeiter im Haus zumindest themenspezifische Fortbildungen besuchen oder Praktika in stationären Hospizen absolvieren können.

Eine entscheidende Rolle spielen die Kooperationspartner, vor allem die Hausärzte. Diese müssen der Palliativmedizin aufgeschlossen gegenüberstehen, auf Augenhöhe mit dem Pflegepersonal zusammenarbeiten und bereit sein, Zeit in Kooperation zu investieren (z. B. durch die Teilnahme an ethischen Fallkonferenzen). Wichtige Kooperationspartner sind zudem SAPV-Teams und die ambulanten Hospizvereine. Durch diese externe Unterstützung wird eine angemessene Sterbebegleitung ermöglicht, die das Pflegepersonal aus den eigenen Reihen oft nicht gewährleisten kann, weil ohnehin für alle täglichen Anforderungen zu wenig Zeit ist.

Zeit- und Personalknappheit verhindern oft die Umsetzung der in den meisten der von uns befragten Heime vorhandenen Konzepte zur Sterbendenversorgung und zur Abschiedskultur. Dies ist ein strukturelles Dilemma, denn eine adäquate Versorgung und Begleitung von Sterbenden und deren Angehörigen benötigt vor allem Zeit und Ruhe. Für das Herstellen einer guten Sterbequalität bekommen die Heime bislang keine Refinanzierung. Sie müssen entweder zusätzliche Quellen erschließen (z. B. Stiftungsmittel, Eigenmittel des Trägers) oder durch Umorganisation des Hauses an anderer Stelle Ressourcen einsparen. Die Frage der Refinanzierung wird entscheidend sein für eine qualitativ hochwertige Sterbendenversorgung, wie sie auch von den Pflegeheimen seit langem gefordert wird. Die Fallstudien haben gezeigt – dort, wo der Bewohnerwille tatsächlich im Mittelpunkt steht, ist ein gutes Sterben möglich. In diesen Heimen kann auch gut gelebt werden. Voraussetzung dafür sind gut ausgebildete, motivierte Pflegekräfte, gute Arbeitsbedingungen, pflegerisch-konzeptionell ambitionierte Leitungskräfte und engagierte Kooperationspartner.

Grafik: Dill/IPP

Grafik: Dill/IPP

In den befragten Heimen starben im Mittel im Bezugsjahr (2016) 31 Bewohner, davon 22 im Heim, 8 im Krankenhaus, 1 im Hospiz. Von den 8 Bewohnern, die im Krankenhaus verstarben, wurden 6 wegen eines Akutgeschehens eingeliefert wie Sturz, Apoplex o. ä. (linker Block). Von den durchschnittlich 31 im Bezugsjahr verstorbenen Bewohnern wurden 10 hospizlich-palliativ betreut. 3 Bewohner erhielten spezialisierte ambulante Palliativversorgung. 46% der befragten Einrichtungen (N=859) gaben an, dass mehr Bewohner Bedarf an palliativer bzw. hospizlicher Versorgung gehabt hätten. (Eigene Grafik Projektteam)

 

Endnoten:

[Titel] Der Artikel beruht auf Ergebnissen aus dem Forschungs- und Praxisprojekt „Sterben zuhause im Heim – Hospizkultur und Palliativkompetenz in der stationären Langzeitpflege (SiH)“, das vom Bundesministerium für Gesundheit finanziert wurde. Der Abschlussbericht und weitere Informationen zum Projekt finden sich unter http://www.ipp-muenchen.de/praxisforschung/sterben-zuhause und https://www.zig.uni-augsburg.de/forschung/lebensende/Sterben-zuhause-im-Heim/.
[1] Ergebnis der Online-Befragung aus dem o. g. Forschungsprojekt, an der sich 1614 Einrichtungen beteiligt haben.

Kurzinfo

Helga Dill - Foto: IPP

Helga Dill – Foto: IPP

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