von Miriam Döhner (Fachdozentin, Planlicht GmbH & Co. KG)
Was als ein einzelner Sturz beginnt, endet oft mit dem dauerhaften Verlust der Selbstständigkeit – eine Situation, die sowohl für die Betroffenen als auch für unser Gesundheitssystem erhebliche Belastungen mit sich bringt.
Dabei könnten viele dieser Stürze nachweislich durch eine einfache, kostengünstige Maßnahme verhindert werden. Eine Maßnahme, die in unserem Alltag selbstverständlich ist, deren präventive Wirkung jedoch weitgehend übersehen wird: angemessene Beleuchtung.
Die Zahlen sind alarmierend: Jährlich ereignen sich in Deutschland rund 10 Millionen Sturzunfälle bei älteren Menschen, etwa 500.000 davon enden im Krankenhaus.
Was die Wissenschaft uns lehrt – und was wir ignorieren
Mit dem Alter verändert sich unsere Sehfähigkeit dramatisch:
- Ein 60-Jähriger benötigt für den gleichen Helligkeitseindruck mindestens doppelt so viel Licht wie ein 20-Jähriger, ein 80-Jähriger viermal so viel.
- Die Empfindlichkeit für Kontraste nimmt ab, während die Blendempfindlichkeit steigt.
Experten empfehlen daher, die Beleuchtungsstärke in Wohnräumen von Senioren deutlich über den üblichen Normwerten zu halten.
Die Lösung liegt buchstäblich über unseren Köpfen
Mit gezielten Beleuchtungsmaßnahmen können wir Stürze verhindern. Im Rahmen eines Pilotprojekts wurden im Pflegeheim Hartland House/Großbritannien intelligente Deckenleuchten installiert, die nachts automatisch auf Bewegung reagieren. Die Sturzvorfälle gingen dort um eindrucksvolle 84 % zurück!
Auch in anderen Studien in Pflegeheimen (z. B. „Impact of Upgraded Lighting on Falls in Care Home Residents“, 2022) konnten durch moderne, tageslichtangepasste Beleuchtungssysteme Sturzunfälle um 43 % reduziert werden, während die Sturzrate in den Kontrollstandorten gleich blieb. Schon einfache Maßnahmen können große Wirkung haben:
- Hellere und blendfreie Allgemeinbeleuchtung in allen Wohnbereichen
- Nachtlichter mit Bewegungssensoren für Schlafzimmer, Flur und Bad
- Gezielte Beleuchtung von Gefahrenstellen wie Treppen und Schwellen
- Tageslichtweiße LEDs (2700 – 4000 K) für bessere Farbwahrnehmung
Doch Licht hat noch eine weitere Funktion: Es ist der Haupttaktgeber für unseren Tag-Nacht-Rhythmus. Ältere Menschen leiden häufiger unter Störungen dieser inneren Uhr – mit Folgen wie nächtlicher Unruhe, fragmentiertem Schlaf und erhöhter Sturzgefahr bei nächtlichen Toilettengängen. Studien zeigen, dass viel helles Licht am Morgen und Vormittag den Schlaf-Wach-Rhythmus stabilisiert, die Wachheit am Tag verbessert, dadurch Stürze verhindert und hilft, Personal zu entlasten.
Lichttherapie, die Aktivierung durch Licht im Alter mit künstlichem Tageslicht, ist ohne zusätzliche Betreuung möglich. Dazu müssen keine speziellen Lichttherapie-Geräte angeschafft werden. Auch Termine für stundenlange Belichtungssitzungen entfallen – wenn biologisch wirksames Licht in ausreichender Menge in die normale Umgebungsbeleuchtung integriert wird.
Das richtige Licht zur richtigen Zeit kann z. B. in Gemeinschaftsräumen, während der Handarbeit oder auf den Gängen sozusagen im Hintergrund wirken.
5 einfache Planungstipps, die das Leben im Alter verbessern
1.) Verwenden Sie flächiges Licht, das von oben kommt
Licht, das wie das Himmelslicht aus einer großen Fläche kommt, ist ideal, um eine biologische Wirkung zu erzielen.
Die Areale im Auge, die auf blauhaltiges Licht reagieren und die Zeitgeber-Signale an den Rest des Körpers weitergeben, liegen im unteren Teil des Auges und eher in den Randbereichen. Um diese Bereiche zu erreichen, ist diffuses Licht besser geeignet als stark gerichtetes, engstrahlendes Licht. Die optimale Lichtrichtung für biologisch wirksames Licht ist von vorne und oben.
Flächenleuchten haben außerdem den Vorteil, dass sie wenig Schatten produzieren. Schlagschatten und harte Kontraste können für einen unsicheren Gang sorgen.
Wichtig: Diese Flächen dürfen nicht blenden! Das Auge streut das Licht im Alter stärker auf. Am besten verwenden Sie Leuchten, die auch als Büroleuchten zugelassen sind, da für diese die stärksten Auflagen bezüglich der Blendung gelten.
2.) Nutzen Sie die Raumflächen
Wände und Decken anzustrahlen hat einen doppelten Nutzen:
Erstens können größere Lichtflächen erzeugt werden, wodurch die Lichtwirkung verbessert und die Blendung reduziert wird. Zweitens treten die angestrahlten Flächen in den Vordergrund und ermöglichen eine leichtere Orientierung im Raum.
3.) Orientierungslicht in Augenhöhe
Eine einfache Beleuchtung des Türrahmens bei Nacht erhöht nachweislich die Orientierung und Sicherheit. Die visuellen vertikalen und horizontalen Linien helfen, die Balance zu halten.
Orientierungsbeleuchtung auf Augenhöhe
4.) Nutzen Sie morgens viel kaltweißes Licht …
Um die innere Uhr wieder in den richtigen Rhythmus zu bekommen, geben Sie morgens das klare Signal für den Tagesbeginn. Klares weißes Licht mit hohem Blauanteil aktiviert. Dazu muss aber das Licht im Alter ausreichend zur Verfügung stehen. Intensitäten von 1000 Lux Tageslicht oder intensives Kunstlicht für mindestens 30 Minuten haben sich in Studien als wirksam herausgestellt. 1000 Lux entspricht dem Tageslicht an einem stark bewölkten Tag.
… und abends warmweißes Licht
Nachts sollten Sie vor allem warme Lichtfarben verwenden. Das blauhaltige Licht kann nach Bedarf selbst eingestellt werden. Das alternde Auge erkennt damit zwar mehr, aber es soll vermieden werden, dass der Körper durch das blauhaltige Licht das Signal „Tag“ bekommt und sich dadurch das Einschlafen verzögert.
Am Abend helfen punktförmige Lichtquellen wie Leseleuchten, störende Wirkungen des Lichtes zu reduzieren.
| Farbe des Lichts | Farbtemperatur in Kelvin (K) | Wirkung | Einsatzbereich |
|---|---|---|---|
| Warmweiß | <=3300 K | Entspannend, Vorbereitung auf Ruhezeiten | Ruhebereiche, Bereiche für abendliche Aktivitäten |
| Neutralweiß | = 4000 K | Entspannend, Vorbereitung auf Ruhezeiten | Ruhebereiche, Bereiche für abendliche Aktivitäten |
| Kaltweiß | >= 5300 K | Frisch, stimulierend | Aufenthaltsräume und Korridore am Vormittag |
Morgens viel kaltweißes und abends warmweißes Licht hilft, die innere Uhr im richtigen Rhythmus zu halten.
5.) Die Dosis macht’s – Decken Sie den gesunden Lichtbedarf im Alter

Morgens viel kaltweißes und abends warmweißes Licht hilft, die innere Uhr im richtigen Rhythmus zu halten. – Grafik: © PLANLICHT
Ab einer Beleuchtungsstärke von 250 Lux Tageslicht ist die Beleuchtung biologisch wirksam. Für die Umrechnung in Kunstlicht spielen das Alter des Betrachters und die Lichtfarbe der Lichtquelle eine Rolle. Das Richtalter ist 32 Jahre.
Für Patienten von 65 – 100 Jahren wird eine Verminderung von 33 % – 68 % angenommen.
Dementsprechend sind 1000 Lux eine wirksame Mindest-Beleuchtungsstärke in Tageslichtweiß (6500 K).
Eine Investition, die sich mehrfach auszahlt
Hinter jeder Statistik steht ein menschliches Schicksal. Jeder verhinderte Sturz bedeutet nicht nur verhinderte Behandlungskosten, vermiedene Kosten für Langzeitpflege und Hilfsmittel. Jeder verhinderte Sturz steht für einen Menschen, der weiterhin selbstbestimmt leben kann.
Bessere Beleuchtung ist keine Luxusfrage, sondern eine präventive Gesundheitsmaßnahme mit enormem Potenzial. Sie ist eine Investition in die Würde und Selbstständigkeit älterer Menschen – und gleichzeitig in die finanzielle Nachhaltigkeit unseres Gesundheits- und Pflegesystems.
Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass ältere Menschen nicht länger im Dunkeln tappen müssen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 01/2026 erschienen.







