von Svenja Prasche (Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD)

In deutschen Pflegeeinrichtungen gehört Zeit zu den knappsten Ressourcen. Pflegekräfte arbeiten oft am Limit, zwischen Dokumentationspflicht, Betreuung und körperlich anspruchsvollen Aufgaben. Gleichzeitig nehmen die Anforderungen an Qualität und Effizienz weiter zu. Könnten digitale Technologien wie sogenannte Wearables hier entlasten? Das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD in Darmstadt ist davon überzeugt und forscht an praxisnahen Lösungen, die Pflegeeinrichtungen direkt zugutekommen können.

Ein besonders dringliches Thema: Dekubitusprävention – also die Vermeidung von Druckgeschwüren bei bettlägerigen Bewohnenden. „Viele Pflegeheime arbeiten hier noch stark analog“, berichtet Michael Weber vom Caritasverband Darmstadt e. V., der die Probleme aus der Praxis kennt. „Wann ein Mensch zuletzt umgelagert wurde, wird oft auf Papier dokumentiert. Das ist nicht nur fehleranfällig, sondern auch schwer nachzuvollziehen – besonders in stressigen Schichten.“

Wearables im Pflegealltag

Gemeinsam mit dem Fraunhofer IGD prüft die Caritas Darmstadt deshalb einen neuen Ansatz: Mithilfe von Wearables, also tragbaren Sensoren wie Smartwatches oder Sensorpflastern, lässt sich die Liegeposition von Patientinnen und Patienten automatisch erfassen. Die Geräte erkennen, wann zuletzt eine Bewegung stattfand oder eine Umlagerung erfolgte. So können Pflegekräfte gezielt eingreifen, bevor gesundheitliche Risiken entstehen.

Portrait von Florian Kirchbuchner, Fraunhofer IGD – Experte für digitale Innovationen in der Pflege

Florian Kirchbuchner, Abteilungsleiter Smart Living and Biometric Technologies am Fraunhofer IGD – Foto: Fraunhofer IGD

„Ein spannender Nebeneffekt: Manche Bewohnerinnen und Bewohner empfinden das manuelle Umlagern als unangenehm oder reagieren gereizt“, erklärt Florian Kirchbuchner, Abteilungsleiter Smart Living and Biometric Technologies am Fraunhofer IGD. „Wenn das System dagegen selbst erkennt, wann ein Positionswechsel notwendig ist, kann das gezielter und weniger konfrontativ geschehen. Und das entlastet das Pflegepersonal enorm.“

Noch handelt es sich nicht um ein fertiges Produkt, sondern um eine vielversprechende Forschungsarbeit. Die Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit mit der Caritas werden dabei genutzt, um die Wirksamkeit, Alltagstauglichkeit und Akzeptanz der Technologie realistisch einschätzen zu können, damit sie eines Tages erfolgreich in der Praxis umgesetzt werden können.

Pflegedokumentation: ein großer Zeitfresser

Ein weiterer Bereich mit hohem Entlastungspotenzial ist die Pflegedokumentation. Laut einer Umfrage des Fraunhofer IGD unter mehr als 80 Pflegekräften verbringen diese im Schnitt mehr als eine Stunde pro Tag allein mit Dokumentationsaufgaben, und das oft außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit.

„Unsere Idee: Eine Smartwatch, die typische Pflegetätigkeiten automatisch erkennt“, so Kirchbuchner. Das Verfahren basiert auf der sogenannten Human Activity Recognition (HAR), unterstützt durch künstliche Intelligenz. Das System kann zwischen verschiedenen Bewegungsmustern unterscheiden – etwa dem Anheben einer Person oder dem Wechseln von Inkontinenzmaterial – und diese Aktivitäten automatisch erfassen.

„Pflegekräfte führen viele ähnliche Bewegungen aus, was die Unterscheidung schwierig macht“, erklärt Kirchbuchner. „Deshalb entwickeln wir Algorithmen, die sich an realen Arbeitsabläufen orientieren und regelmäßig überprüft werden.“ Ziel ist eine automatische, nahezu lückenlose Dokumentation – in Echtzeit und ohne zusätzlichen Aufwand für die Pflegekräfte.

Technologien für eine bessere Versorgung

Neben Wearables und Smartwatches forscht das Fraunhofer IGD an weiteren digitalen Helfern:

  • Kapazitive Sensoren in Betten oder Stühlen, die Vitaldaten wie Herzschlag und Atemfrequenz ohne direkten Hautkontakt erfassen.
  • Anomalie-Erkennung in Vitaldaten, die bei ungewöhnlichen Werten frühzeitig Alarm schlagen kann.
  • Bildverarbeitungssysteme, die z. B. bei der Medikamentenerkennung unterstützen und helfen, Fehler zu vermeiden.

All diese Systeme sollen nicht die menschliche Zuwendung ersetzen, sondern Pflegekräfte dort entlasten, wo es möglich ist und ihnen so mehr Zeit für das Wesentliche geben: die direkte Betreuung.

Ein langer Weg – aber mit viel Potenzial

Noch stehen viele Einrichtungen erst am Anfang der Digitalisierung. Alte IT-Systeme, hohe Integrationskosten und Datenschutzfragen erschweren die Einführung neuer Technologien. Trotzdem wächst das Interesse an KI-Lösungen sowohl bei Trägern als auch beim Pflegepersonal. Wichtig ist, dass neue Systeme praktikabel, transparent und datenschutzkonform sind.

„Wir brauchen Lösungen, die wirklich in den Pflegealltag passen“, betont Michael Weber vom Caritasverband Darmstadt e. V. „Und die gemeinsam mit Pflegekräften entwickelt werden – nicht an ihnen vorbei.“

Genau dafür wurde der Verein Team Innovative Pflege e. V. ins Leben gerufen. Er bringt seit 2023 alle relevanten Akteure an einen Tisch – von der Forschung über die Pflegepraxis bis hin zu den Technologieträgern. Gemeinsam sollen nachhaltige, anwendbare und menschengerechte Lösungen für die Pflege der Zukunft entwickelt werden. Denn klar ist: Digitale Innovationen können die Pflege verbessern. Entscheidend ist, dass sie am Menschen orientiert sind – und nicht umgekehrt.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 02/2025 erschienen.

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