von Robert Ritter-Kalisch (Seniorenzentren Linz GmbH)

Im Frühjahr 2024 begann im Seniorenzentrum Liebigstraße der städtischen Seniorenzentren Linz GmbH ein Pilotprojekt, das den Pflegealltag nachhaltig verändern sollte: das „Digitale Pflegeheim“. Die Einführung moderner Assistenzsysteme war eine direkte Antwort auf die wachsenden Herausforderungen im Pflegeberuf. Pflegekräfte stehen täglich vor der Aufgabe, bei geringerer Personalbesetzung hohe Versorgungsqualität zu gewährleisten, während der Zeitdruck steigt und der Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen öffentlich geäußert wird. Digitale Lösungen versprechen hier nicht nur Entlastung, sondern eröffnen auch neue Möglichkeiten, die Pflegequalität zu steigern und mehr Freiraum für zwischenmenschliche Zuwendung zu schaffen. Denn Menschen zu helfen und Sinnvolles zu tun, ist schließlich die Motivation von Personen, einen Pflegeberuf zu ergreifen.

Mit dem „Digitalen Pflegeheim“ wurde in Linz ein Modell dafür geschaffen, wie sinnvolle Digitalisierung in der Langzeitpflege gestaltet werden kann, um für Bewohnende, Pflegekräfte und viele weitere Systempartner einen echten Mehrwert zu bieten.

Welche digitalen Helfer werden genutzt?

Das Arbeitsinstrument der Zukunft für die Pflegekraft ist das Smartphone. Im „Digitalen Pflegeheim“ wird die Dokumentation mit KI-Unterstützung direkt im Bewohnerzimmer in das Smartphone eingesprochen – ein Zusammenspiel von Vivendi Mobil mit der Technologie von Voize. Die KI erkennt gesprochenen Text und Namen, lernt die Sprechweise der Pflegeperson mit Dialekten und Akzenten und ordnet die Inhalte in fehlerfreiem Deutsch den richtigen Kategorien und Maßnahmen in der Pflegedokumentation zu. Das bedeutet nicht nur immense Zeitersparnis bei der Dokumentation, sondern auch Arbeitserleichterung und Fehlerreduktion für Mitarbeitende mit nicht-deutscher Muttersprache – immerhin mehr als 40 % des Personals in der Seniorenzentren Linz GmbH.

Auch Livy Care, ein All-in-one Assistenzsystem, das in jedem Bewohnerzimmer verbaut ist, alarmiert die Pflegekräfte auf deren Smartphone. Livy Care erkennt Stürze und kann individuell für festlegbare Zeiten auch auf Benachrichtigung bei Bett- und Zimmerverlassen programmiert werden. Zusätzlich reagiert die Sensorik auf Hilferufe – insgesamt erhöht das nicht nur die Sicherheit der Bewohnenden, sondern auch das Sicherheitsgefühl des Personals, insbesondere während der Nachtdienste.

Die Technologie misst und alarmiert nicht nur – sie dokumentiert diese Vorfälle auch und spart hier wiederum wertvolle Zeit der Pflegekräfte. Automatische Dokumentation ist ein Schwerpunkt in der Weiterentwicklung von Livy Care. So liest die Sensorik mittels Bluetooth automatisiert Blutzuckerwerte aus CGM-Patches von Libre ab Generation 2 ein und benachrichtigt das Personal bei Abweichungen von den festgelegten Normbereichen. Neu in Anwendung im „Digitalen Pflegeheim“ ist die automatische Dokumentation von Werten wie Blutdruck und Sauerstoffsättigung, die mit Bluetooth-fähigen Geräten gemessen und von Livy Care eingelesen werden.

Vorteile der Telemedizin

Ein besonderes Highlight des Projekts ist die telemedizinische Anbindung an das Ordensklinikum Elisabethinen Linz mit der Technologie von Docs in Clouds. Medizinische Abklärungen, die bisher für Bewohnende mit Ambulanzfahrten verbunden waren, können so durch Visiten im Haus, im eigenen Zimmer, mit hoher Prozessqualität und ohne die üblichen langen Wartezeiten durchgeführt werden. Das Potenzial für weitere Einsatzmöglichkeiten ist hoch. Ziel ist es, weitere Gesundheitsdienstleister als Partner zu gewinnen, um Krankenhaustransporte zu verhindern und die Lebensqualität von Senioren im Pflegeheim zu erhöhen.

Skepsis überwunden: Digitale Assistenz zeigt Wirkung

Die Einführung digitaler Assistenzsysteme war für manche Mitarbeitende zunächst mit Unsicherheiten verbunden. Doch die Vorteile wurden rasch spürbar: Die Spracherkennung reduziert den Dokumentationsaufwand erheblich, die Sensorik im Bewohnerzimmer sorgt für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl und das Glukose-Monitoring sowie die automatische Dokumentation von Vitalwerten entlasten im Alltag. Auch die Bedenken, dass durch Telemedizin Tätigkeiten von den Krankenhäusern hin zu den Pflegekräften im Heim verlagert werden, haben sich mittlerweile zerstreut: Zwar werden Televisiten als zusätzliche Tätigkeit von Krankenpflegern im Pflegeheim durchgeführt, dafür entfallen viele mit einer Ambulanzfahrt verbundenen Aufgaben: das Mobilisieren, die Organisation des Transports, die Verständigung von Angehörigen und die Nachbearbeitung des Ambulanzberichts.

Die Akzeptanz des Einsatzes von assistierenden Technologien bei Bewohnenden und Angehörigen war von Anfang an hoch. Die vorbereitende Information hatte großen Stellenwert im Projekt und der Gewinn an Sicherheit und Lebensqualität war rasch und unmittelbar erfahrbar. Bereitschaft, Engagement und Zuversicht des Personals, vor allem der Führungskräfte im Haus, waren wesentliche Voraussetzungen für den Erfolg des Digitalisierungsprozesses im Seniorenzentrum Liebigstraße.

Wie geht es weiter?

Pflegekräfte und Projektverantwortliche präsentieren mobile Telemedizin- und Dokumentationstechnik im Pflegeheim.

Abb. v.l.n.r.: Heimleiter Balázs Kiss, GF Robert Ritter-Kalisch und Diplom-Krankenpflegerin Melanie Jäger mit dem Teledoc von Docs in Clouds – Foto: StadtLinz_Deimling

Eine Ausrollung der Technologien auf alle zehn Pflegeheime des Unternehmens ist ab 2026 geplant. Die Erfahrungen und Herausforderungen des Pilotprojekts erleichtern dieses Vorhaben deutlich. Alle notwendigen Aufgaben verbunden mit Data Security, Datenschutzfolgenabschätzungen und der technischen Infrastruktur wurden in der ersten Projektphase mühevoll abgearbeitet und haben wertvolles Organisationswissen generiert. Vorbereitend wurden beispielsweise die Bandbreiten der Datenleitungen in allen Einrichtungen erhöht und die WLAN-Stabilität verbessert – wichtige Voraussetzungen, die zu Beginn Stolpersteine im Betrieb der digitalen Assistenzsysteme darstellten.

Die Fachhochschule Oberösterreich begleitet das Projekt wissenschaftlich. Der Nutzen assistierender Technologien wird über ein Jahr evaluiert und im Hinblick auf seine Wirkung analysiert: Kennzahlen wie eingesparte Zeit für die Dokumentation, Verringerung der Stürze im Pflegeheim und reduzierte Ambulanzfahrten werden ebenso erhoben wie die erlebte Zufriedenheit von Pflegekräften, Bewohnenden und Angehörigen.

Das Projekt „Digitales Pflegeheim“ zeigt eindrucksvoll, wie sinnvolle Digitalisierung in der Langzeitpflege aussehen kann, mit einem Fokus auf Entlastung von Administration, Dokumentation und zeitintensiven Kontrolltätigkeiten – und mehr Zeit für Begegnung, persönlichen Kontakt und Beziehung.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 01/2026 erschienen.

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