von Dr. Stephanie Baas

Dr. Stephanie Bass - Foto: Stephanie Baas

Dr. Stephanie Bass – Foto: Stephanie Baas

Das Telefonat mit der fast 80-jährigen Frau S. bringt es mir wieder ins Bewusstsein: Zöliakie im Alter – hier fehlt es an allen Ecken und Enden an Unterstützung und Angeboten. Frau S. weiß seit 20 Jahren, dass sie an Zöliakie erkrankt ist. Sie litt unter schwersten Durchfällen, hatte stark an Gewicht abgenommen. Endlich wurde die Ursache gefunden: Zöliakie. Durch die Umstellung auf die glutenfreie Ernährung, besserte sich ihr Gesundheitszustand zum Glück recht zügig. Mit der Ernährung kam sie gut zurecht. Mittlerweile kommen aber weitere gesundheitliche Probleme dazu: Schwindel, Gangunsicherheit, eine schwere Osteoporose. Dazu ist sie seit einigen Jahren alleinstehend, die Kinder wohnen nicht vor Ort. Noch bewältigt sie gerade so ihren Alltag, aber ihr ist sehr bewusst, dass das nicht mehr lange so bleiben wird. Einkaufen, kochen, jeder Schritt fällt ihr schwer. Bei mehr als einem Dutzend Seniorenheime hat sie sich bereits erkundigt, ob Zöliakie-Betroffene aufgenommen werden, aber sie erhält immer nur Absagen. Die Verzweiflung ist groß, denn wie soll es für sie weitergehen?

So, wie Frau S., geht es leider vielen Zöliakie-Betroffenen. Seniorenheime, die Personen mit dieser Erkrankung aufnehmen, sind rar. Doch warum ist das so? Die Zöliakie ist eine häufige Erkrankung. Man schätzt, dass bis zu einem Prozent der Bevölkerung in Deutschland betroffen ist. Die Dunkelziffer ist jedoch sehr hoch, so dass nur ein kleinerer Teil der Patienten diagnostiziert ist. Es bedarf einer lebenslangen strikt glutenfreien Ernährung, damit die Betroffenen nach Möglichkeit ein beschwerdefreies Leben führen können. Wird die Zöliakie erst spät festgestellt, wie bei Frau S., kommt es häufig zu Spätfolgen wie der Osteoporose, aber auch neurologischen Problemen. Diese beeinträchtigen die Patienten zusätzlich in ihrem Alltag. Mit steigenden Patientenzahlen und dem demagogischen Wandel, wird das Thema Zöliakie im Seniorenheim in den kommenden Jahren allerdings zunehmend aktuell. Probleme, die beim Umzug vom eigenen Zuhause ins Seniorenheim zu bewältigen sind, bestehen auf beiden Seiten und sind durchaus zahlreich:

Die Zöliakiepatienten benötigen eine strikt glutenfreie Ernährung. Schon kleine Mengen an Gluten (1/8g Weizenmehl) können die Entzündung im Darm reaktivieren. Neben der Zöliakie leiden viele unter anderen Unverträglichkeiten, häufig gegen Milchzucker, aber auch gegen Fruchtzucker oder Histamin ist nicht selten. Aber wie bei anderen älteren Personen kommen meist verschiedene gesundheitliche Probleme hinzu – Diabetes, Übergewicht, Demenz, M. Parkinson, Osteoporose, schlechteres Sehen und Hören, erhöhte Werte bei Blutdruck und Cholesterin. Vieles muss ebenfalls über die Ernährung behandelt werden. Da es aber einen größeren Personenkreis gibt, der diese Kostformen benötigt, ist der relative Aufwand dafür besser bekannt, besser zu leisten und in den Einrichtungen etabliert. Die Zöliakie-Betroffenen sind im Seniorenheim meist vollständig darauf angewiesen, dass das Personal die glutenfreie Ernährung korrekt umsetzt. Sie können oft schlecht beurteilen, ob Kontaminationen z. B. durch Verwenden des gleichen Löffels bei der Ausgabe von glutenhaltigen und glutenfreien Nudeln passiert sind. Nachlassendes Seh- und Hörvermögen beeinträchtigen dies oft zusätzlich. Bei eintretender Demenz ist ein Erkennen von Fehlern kaum mehr möglich. Wiederholte Fehler haben jedoch oftmals bedeutende Auswirkungen auf den Gesundheitszustand. Es kann zu Durchfällen, Gewichtsverlust und Nährstoffmangel kommen. Vitamin- und Mineralstoffdefizite sind eventuell auch ein Verstärker für den Abbau von körperlichen und geistigen Kräften.

Baguett mit weißer Mehlschicht

Foto: Mariana Kurnyk

Das alles zusammen verdeutlicht, dass die Einrichtung eine große Verantwortung für das Wohlergehen der Senioren trägt. Die Angestellten und Pflegekräfte sind jedoch selten geschult, eine glutenfreie Ernährung umsetzen zu können. Die Überlastung für das Pflegepersonal, das auch zum Teil aus angelernten Hilfskräften besteht, kann sich dem Thema meist auch nur ungenügend widmen und damit die Konsequenzen für die Betroffenen nachvollziehen. Viele Einrichtungen kochen heutzutage nicht mehr selbst, sondern werden durch Caterer beliefert. Für diese ist die Produktion von glutenfreien Mahlzeiten häufig zu aufwändig, so dass sie diese nicht anbieten. Aber auch bei einer eigenen Küche kann es durch ungeschultes Personal zu zahlreichen Kontaminationen und Diätfehlern kommen. Hier wäre z. B. die Ausgabe des falschen Kuchens zu nennen oder das Mischen von glutenhaltigen und glutenfreien Backwaren bei Frühstück oder Abendbrot. Alle Lebensmittel, Getränke, aber auch die Arzneimittel müssen, am besten anhand der Aufstellungen der DZG, auf Glutenfreiheit überprüft werden. Um dieses Risiko erst gar nicht einzugehen, werden die Betroffenen daher nahezu immer abgelehnt.

Damit ist für die Einrichtung das Problem gelöst, aber für die Suchenden wächst mit jeder Absage die Verzweiflung. Da aber immer mehr Personen auch noch im höheren Lebensalter die Diagnose erhalten, werden sich die Anfragen in naher Zukunft schon häufen. Dabei kann die Umsetzung einer glutenfreien Ernährung auch im Seniorenheim gelingen. Der erste Schritt dafür ist, dass die Einrichtungen sich dafür offen zeigen. Senioren, die in ein Heim wechseln möchten, können eine Info-Mappe von der DZG anfordern, die wichtige Auskünfte zum Thema enthält. Möchte eine Einrichtung erste Bewohner, die eine glutenfreie Ernährung benötigen, aufnehmen, ist die Schulung des Personals für den Erfolg ausschlaggebend. Wichtig sind Grundkenntnisse zur Erkrankung selbst, damit die Folgen von Diätfehlern verstanden werden können. Hat die Einrichtung eine eigene Küche, können von Seiten der DZG Schulungen des Personals auch vor Ort zur Umsetzung der Diät erfolgen. Kompetente Ansprechpartner sind von der DZG geschulte Kontaktpersonen in der jeweiligen Region. Zusätzlich sind telefonische Rücksprachen mit dem Ernährungsteam möglich; ebenso die Informationsweitergabe an Catering-Unternehmen, die glutenfreie Speisen künftig in ihrem Angebot aufnehmen möchten. Zur Verfügung gestellt werden kann eine aktuelle Liste von Caterern, die bereits glutenfreie Menüs anbieten. Für Fragen rund um die glutenfreie Ernährung in Senioreneinrichtungen steht auch der DZG-Seniorenbeirat zur Verfügung.

Die Anregungen und Skepsis der Betroffenen müssen ernst genommen werden, da sie meist seit Jahren Erfahrung mit der Diät haben. Für viele Senioren bedeutet das Essen eine willkommene Abwechslung im Tagesablauf in Senioreneinrichtungen, daher können sich die Seniorenheime über dankbare Bewohner freuen, die gutes glutenfreies Essen zu schätzen wissen.

Der Artikel ist in der Ausgabe 01/2020 zu finden.

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