Dr. phil., YTM,  Minna-Kristiina  Ruokonen-Engler - Foto: Privat

Dr. phil., YTM, Minna-Kristiina Ruokonen-Engler – Foto: Privat

von Dr. phil., YTM, Minna-Kristiina Ruokonen-Engler

Der Mangel an Pflegefachkräften in der Kranken- und Altenpflege hat in den letzten Jahren zur verstärkten Anwerbung von Pflegefachkräften aus dem Ausland geführt. Die Anwerbung im Ausland bietet eine Notlösung, beseitigt aber nicht die grundsätzlichen Probleme in der Pflege. Mit welchen Herausforderungen die Pflegefachkräfte konfrontiert sind, zeigt eine Studie zu betrieblicher Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland.

Obwohl es derzeit große Bemühungen gibt, Pflegefachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen, ist weitgehend unklar, inwiefern dies eine nachhaltige Lösung des Fachkräftemangels bieten kann. Das von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Forschungsprojekt „Betriebliche Integration von Pflegefachkräften auf globalisierten Arbeitsmärkten“ (BIGA) ging der Frage nach, inwiefern die Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland in den Pflegebetrieben in Deutschland gelingt. Für die BIGA-Studie wurden nach dem Jahr 2008 nach Deutschland gekommene und in Hessen tätige Pflegefachkräfte sowie alteingesessene Pflegefachkräfte, Vorgesetzte sowie weitere Expertinnen und Experten befragt. Als ein zentrales Ergebnis der Untersuchung stellte sich heraus, dass die berufliche Integration in die Gesundheitsbetriebe und Altenpflegeeinrichtungen nicht ohne Probleme erfolgt. Vielmehr stellt der betriebliche Integrationsprozess ein Spannungsfeld dar, das von Widersprüchen und Ambivalenzen geprägt ist. Diese zeigen sich nicht nur bei der Erledigung der Arbeit, sondern auch in den allgemeinen Interaktions- und Kommunikationsprozessen am Arbeitsplatz. Denn nicht nur die Pflegefachkräfte aus dem Ausland, sondern auch die alteingesessenen Pflegefachkräfte sowie ihre Vorgesetzten sind herausgefordert, gemeinsam die berufliche Eingliederung der neu dazugekommenen Pflegefachkräfte zu gestalten. Die Ergebnisse der BIGA-Studie weisen darauf hin, dass eine erfolgreiche betriebliche Integration einer unterstützenden und diskriminierungsfreien Arbeitsatmosphäre bedarf. Dafür wird eine betriebliche „Willkommens-Kultur“ benötigt. Diese kann das gegenseitige Kennenlernen fördern, durch Aufklärung und Information über verschiedene Berufsqualifikationen und –kenntnisse Missverständnisse verhindern, Klarheiten in der Arbeitsorganisation und Zuständigkeitsbereichen schaffen und letztendlich für eine transparente, vorurteils- und diskriminierungsfreie Kommunikation sorgen. Denn wie die BIGA-Studie zeigt, können die Erwartungen und Wahrnehmungen der jeweiligen Personen sehr unterschiedlich sein. Die alteingesessenen Pflegenden und Vorgesetzten wünschen, dass die Pflegefachkräfte aus dem Ausland sich rasch an die vorhandenen Betriebsstrukturen und Arbeitsorganisation anpassen und somit möglichst schnell die erhoffte Entlastung im Berufsalltag erbringen. Die Pflegefachkräfte wiederum sind erstmal damit beschäftigt, die Pflegekultur und die Arbeitsorganisation kennenzulernen. Dies bedarf Zeit, Unterstützung und Aufklärungsarbeit. Insbesondere für die akademisch gebildeten Pflegefachkräfte, die gewohnt sind, medizinnahe Tätigkeiten auszuüben, ist die hierarchische Arbeitsaufteilung zwischen Ärztinnen/Ärzten und den Pflegefachkräften erst einmal befremdlich. Eigene Kenntnisse und Kompetenzen nicht einsetzen zu können, generiert Frustration. Außerdem befinden sich die Pflegefachkräfte aus dem Ausland oft in der für sie neuen Situation, Grundpflege leisten zu müssen. Dies kennen die meisten nur als Hilfstätigkeit, wofür es in ihren Herkunftsländern keiner Ausbildung bedarf.

Aus der berufsbiographischen Perspektive stellt die Anstellung in Deutschland für die Pflegefachkräfte aus dem Ausland eine widersprüchliche Situation dar. Die Pflegefachkräfte erhoffen sich nicht nur eine Verbesserung ihrer finanziellen Lage, sondern auch einen Kompetenzzuwachs und eine internationale Karriere auf dem globalisierten Pflegefachkräftemarkt. Jedoch erfahren sie in Deutschland eine anteilige Abwertung ihrer Kompetenzen. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass ihre akademischen Abschlüsse mit einem deutschen Ausbildungsabschluss gleichgesetzt werden und sie somit eine formale Entwertung ihrer Qualifikation erfahren. Falls sie noch nicht die für die berufliche Anerkennung erforderlichen Sprachkenntnisse besitzen, werden sie auch zunächst nur als Pflegehilfe eingestellt. Dies dauert solange bis sie die notwendigen Sprachkenntnisse nachweisen können. In der Praxis bedeutet dies meistens, dass der mühsame Erwerb der Deutschkenntnisse neben der Berufstätigkeit erfolgen muss.

Inwieweit die Pflegefachkräfte diese Ambivalenzen aushalten können, die aus der Inkongruenz von beruflicher Qualifikation und Ausübung der Pflege entstehen, zeigt sich in ihren Zukunftsplanungen. Die interviewten Pflegefachkräfte suchen nach einer besseren beruflichen Position und Aufstiegsmöglichkeiten. Nicht selten zeigt sich, dass sobald eine in einer Altenpflegeeinrichtung tätige Pflegehilfe eine berufliche Anerkennung als Pflegefachkraft erhält, sie nach einer Anstellung in einem Krankenhaus oder im Ausland sucht. Es kann nun auf der Grundlage der Ergebnisse aus der BIGA-Studie behauptet werden, dass die Anwerbung von Pflegefachkräften aus dem Ausland, nur eine Teillösung bietet. Sie kann den Fachkräftemangel ein Stück weit kompensieren, jedoch löst sie die grundsätzlichen Probleme der Pflege nicht, nämlich die Unterfinanzierung und der Zeit- und Leistungsdruck in dieser Branche. Jedoch fordert die Fachkräftemigration die jeweiligen nationalen Pflegesysteme heraus und führt diesen letztendlich auch ihre Defizite vor. Die befragten Pflegefachkräfte bestaunten nicht selten die zeitlich sehr eng getaktete Betreuung von Bewohnerinnen und Bewohnern in den Altenpflegeheimen in Deutschland. Eine unter zeitlichem Druck geführte Betreuung erschwert die Ausübung einer achtsamen Pflege und stellt letztendlich die Frage, wie gute Pflege unter solchen Bedingungen geleistet werden kann.

Es kann festgehalten werden, dass es nicht nur um die „Anpassung“ und Integration der Pflegefachkräfte aus dem Ausland geht, wenn Pflege „global“ wird. Es stellt auch für die Pflegeeinrichtungen, für die Arbeitsorganisation und für die Kommunikationsformen am Arbeitsplatz neue Herausforderungen und Handlungsnotwendigkeiten dar. Diese müssen ernst genommen werden, um die Pflegefachkräfte aus dem Ausland in Deutschland auch tatsächlich nachhaltig behalten zu können. Neben vielen anderen Ländern befindet sich Deutschland in einem globalen Wettbewerb um diese Pflegefachkräfte. Um die Attraktivität des Standortes Deutschland zu steigern, bedarf es einem Überdenken der Arbeitskultur und –organisation der Pflege. Dies würde allen Beteiligten zu Gute kommen!

Information über das Projekt:

Pütz, Robert/Kontos, Maria/Larsen, Christa/Rand, Sigrid/Ruokonen-Engler, Minna-Kristiina (2019): Betriebliche Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland. Innenansichten zu Herausforderungen globalisierter Arbeitsmärkte. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung Study Nr. 416.

https://www.boeckler.de/11145.htm?projekt=2014-789-4

https://www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_416.pdf

Der Artikel ist in der Ausgabe 01/2020 zu finden.

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