Lichtblicke: Positive Alltagssituationen für und mit Menschen mit Demenz fördern – Das Konzept DEMIAN

Von Marion Bär und Charlotte Berendonk

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Herr Kerzer (Name geändert) ist schon wieder unterwegs. Mit fortgeschrittener Demenz hat er offensichtlich ein neues Hobby entdeckt: Den Wohnbereich zu erkunden und alles, was er auf seinen Streifzügen findet, genauestens zu untersuchen. Die Dekopäckchen am Weihnachtsbaum haben dieses Hobby nicht lange überlebt. Eine sinnlose Tätigkeit? Immer wieder neigen Außenstehende dazu, Tätigkeiten von Menschen im späten Stadium der Demenz für sinnlos zu erklären. Was, bei Licht betrachtet, gar nicht zulässig ist. „Sinn“ ist im Kern ein sehr persönliches Gut: Worin ich Sinn finde, kann mir kein anderer vorschreiben. Herr Kerzer jedenfalls scheint eine subjektiv sinngebende Tätigkeit gefunden zu haben. Darauf lässt die Konzentration schließen, mit der er bei der Sache ist.

Am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg wurde von 2004 bis 2010 eine Studie zur Förderung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz im Pflegeheim durchgeführt. Dazu wurden in insgesamt 45 stationären Altenhilfeeinrichtungen 178 Bewohnerinnen und Bewohner per Zufall ausgewählt. Einziges Kriterium: Alle Demenzstadien sollten in der Studie vertreten sein. In Interviews mit Teilnehmern (so weit möglich), Pflegenden und Angehörigen wurde der Frage nachgegangen, was für die beteiligten Bewohnerinnen und Bewohner positive Alltagssituationen sind. Warum sind diese wichtig? Weil in solchen Situationen etwas anklingt, was für diesen Menschen individuell bedeutsam ist: Eine Person, eine Tätigkeit, eine Erinnerung, ein Gegenstand, was auch immer.

In der Studie, aus dem letztlich das Pflegekonzept DEMIAN hervorging, wurden für alle Bewohnerinnen und Bewohner solche Hinweise auf individuell bedeutsame Andere gefunden. Diese sind damit eine zentrale Ressource in allen Erkrankungsstadien. Um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Solange ich mit dem in Kontakt sein kann, woran mein Herz hängt, kann ich Lebensqualität erfahren – auch mit einer Demenz.

Das Ziel lautet mithin: Menschen mit Demenz dabei zu unterstützen, mit dem in Kontakt zu kommen, was dieser Person wichtig ist. Konkret im Fall von Herrn Kerzer: Wie kann ermöglicht werden, dass er seinem Interesse nachgehen kann, ohne dass für seine Mitbewohner eine Beeinträchtigung auftritt?

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Was hat all dies mit Pflegemanagement zu tun? Ganz einfach: Nicht Schulungen allein, sondern die Integration gezielter Impulse im Pflegealltag selbst sind entscheidend für eine solche Förderung von Lebensqualität.

Zwei Ansatzpunkte sind hier von eminenter Wichtigkeit: Der moderierte Teamaustausch und die Integration positiver Alltagssituationen in den Pflegeprozess.

In der DEMIAN-Studie fiel es den Pflegenden nicht schwer, positive Alltagssituationen der Bewohner zu berichten. Aber: Dieses wertvolle Wissen zirkulierte meist nicht im Team und blieb daher großenteils ungenutzt. Daher wurden für das DEMIAN-Konzept moderierte Kurzbesprechungen entwickelt. Sie dienen dazu, das Wissen über positive Alltagssituationen zu sammeln und daraus pflegerische Maßnahmen zu entwickeln.

Der zweite Ansatzpunkt ist der Pflegeprozess selbst, das Kerninstrument professioneller Pflege. Das Wissen über positive Alltagssituationen und individuell bedeutsame Andere lässt sich hier systematisch integrieren.

Positive Alltagssituationen zu realisieren, kostet nicht unbedingt viel zusätzliche Zeit. Herr Kerzer beispielsweise benötigte für eine Erkundungsarbeit gar keine Unterstützung, sondern nur, dass man einen Weg findet, ihn nicht daran hindern zu müssen. Andere positive Alltagssituationen lassen sich im Rahmen der Kontakte [[wysiwyg_imageupload:678:]]realisieren, die ohnehin mit den Bewohnerinnen und Bewohnern bestehen. Ein solcher Zugang kann zudem präventiv wirken und Konfliktsituationen vorbeugen. Entscheidend aber ist eine entsprechende Prioritätensetzung von Seiten der Einrichtungsleitung. Ein solches Konzept ist keine „nette Zugabe“, die bei Personalengpässen getrost hintan gestellt werden kann. Denn: Wenn ich schon mit demenzbedingten Einschränkungen leben muss, warum soll dann ausgerechnet mein „Lichtblick des Tages“ wegfallen?

Weitere Informationen: Stanek, S.; Berendonk, C.; Schönit, M.; Kaspar, R. & Kruse, A. (2010). Individuelle Erlebnisräume für Menschen mit Demenz gestalten. Das DEMIAN-Projekt. In: PADUA, 4, 42-49

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