Pflege auf Zeit


Deutschland gehen die Pflegekräfte aus. Laut Bundesagentur für Arbeit werden in den kommenden drei Jahren vermutlich fast 40.000 Pflegekräfte fehlen. Bis zum Jahr 2030 soll diese Zahl sogar auf gut eine halbe Millionen ansteigen, glaubt man einer Studie der Bertelsmannstiftung. Gründe für diese Entwicklung sind zum einen der demografische Wandel – einer sinkenden Zahl von jungen potenziellen Pflegern und Pflegerinnen steht eine steigende Zahl von immer älter werdenden Pflegebedürftigen gegenüber – zum anderen ist durch den Wegfall der Wehrpflicht und des Zivildienstes im Jahr 2011 eine zentrale Säule der sozialen Versorgung weggebrochen. Erschwerend hinzu kommt, dass seit dem Wegfall der Pflegepersonalregelung im Jahr 1996 viele Häuser gegenüber Neueinstellungen eher Zurückhaltung walten ließen. Jahrelange Einstellungsstopps und Streichung frei werdender Stellen waren und sind auch heute nicht selten die Regel. Die Folgen: Überforderung und krankheitsbedingte Ausfälle auf der Pflegeseite – schlechte Versorgung auf der Patientenseite. Seit einigen Jahren hat sich in der Branche daher der Einsatz von Zeitarbeitern etabliert. Das Seniorenheim-Magazin sprach mit Franziska Falk, Kundenmanagerin bei der Med Kontor Personalservice GmbH in Hamburg, über die Entwicklung der Branche in den vergangenen Jahren und darüber, wie das Pflegemanagement Zeitarbeit sinnvoll nutzen kann.

Frau Falk, Ihr Unternehmen hat sich auf Personaldienstleistungen im Bereich Medizin und Pflege spezialisiert. Angesichts des dort herrschenden Fachkräftemangels dürften Sie sich über Anfragen keine Sorgen machen, oder?

Richtig! Ein Auftragsproblem haben wir keineswegs. Im Gegenteil: Wir suchen händeringend Fachkräfte.

Zeitarbeit spielte im Bereich der Pflege lange keine große Rolle. Wann hat sich das geändert und wie hat sich die Branche in den letzten zwei Jahren entwickelt?

Die Nachfrage unserer Kunden hat sich gerade in den letzten Jahren enorm gesteigert. Seit 2005 hat sich die Zahl der Zeitarbeiter im Bereich der Pflege vervierfacht. Das betrifft die Altenpflege wie die Krankenpflege gleichermaßen.

Gibt es Qualifikationen, die besonders häufig nachgefragt werden?

Das ist unterschiedlich und hängt von den Bedarfen unserer Kunden ab. Generell lässt sich jedoch sagen, dass es mehr an der Basis fehlt, als in den Führungsetagen. Das liegt vor allem daran, dass es zwar immer mehr Schulabgänger mit Hochschulreife oder Hauptschulabschluss gibt, jedoch immer weniger mit mittlerer Reife, der Zugangsvoraussetzung zum Erlernen des Pflegeberufs. Der Trend geht vom Bett hin zur Führungskraft. Was jedoch in der Praxis fehlt, sind die Hände am Patienten.

Welche Art von Einrichtungen zählen Sie im Bereich der Altenpflege zu Ihren Kunden? Unterscheiden sich beispielsweise private und kirchlich geführte Häuser hinsichtlich der Akzeptanz von Zeitarbeit?

Nein, hier gibt es keine großen Unterschiede. Ganz gleich ob kirchlich, öffentlich oder privat.

Apropos Akzeptanz. Wie sieht es eigentlich mit der Akzeptanz der Angehörigen aus? Gab es hier schon einmal Probleme?

Im Idealfall fällt den Angehörigen kein Unterschied zwischen externen und internen Mitarbeitern auf. Die meisten Mitarbeiter sind in der Lage, sich in kürzester Zeit den Strukturen und Abläufen anzupassen. Zudem werden unsere Mitarbeiter regelmäßig von denselben Kunden wieder angefordert, sodass auch sie eine Beziehung zu Bewohnern und Angehörigen aufbauen können.

Welche Ziele verfolgen Ihre Kunden mit dem Einsatz von externen Pflegekräften?

Viele unserer Kunden schätzen insbesondere die Flexibilität in der Dienstplangestaltung und Schichtplanung, die eine schnelle Anpassung des Personalschlüssels an die schwankende Bettenbelegung ermöglicht. Ein anderer Beweggrund ist der steigende Mangel an Fachkräften. Die Zeiten, in denen die Heimleitung für eine offene Stelle aus einem ganzen Stapel an Bewerbungen auswählen konnte, sind vorbei. Viele unserer Kunden nutzen daher auch die Arbeitnehmerüberlassung, um potenzielle Mitarbeiter zu „testen“ und sie gegebenenfalls in Festanstellung zu übernehmen.

Ist es für Sie als Dienstleister nicht noch schwerer Fachkräfte zu rekrutieren? Ziehen die Bewerber eine Anstellung in einer festen Einrichtung nicht vor?

Klar wird die Rekrutierung auch für uns immer schwieriger. Doch nicht nur Kunden, sondern auch Mitarbeiter schätzen die Zeitarbeit aufgrund zahlreicher Vorteile. Wir bieten unseren Mitarbeitern attraktive Vergütungs- und Arbeitszeitmodelle und können so eine wesentlich größere Zielgruppe ansprechen: Ganz gleich ob alleinerziehend, Ü-50 oder Berufseinsteiger, bei uns bekommt jeder eine Chance – Eignung und Qualifikation natürlich vorausgesetzt. Gerade für die Mitarbeiter ist Zeitarbeit keineswegs nur ein Job zweiter Klasse. Denn auch sie erhalten so die Chance des „Ausprobierens“, bevor sie sich auf einen Arbeitgeber festlegen. Nicht selten erhalten zuverlässige Mitarbeiter bereits nach kürzester Zeit ein Übernahmeangebot, welches sie relativ häufig sogar ablehnen. Eine Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen belegt, dass vor allem gut ausgebildete Pflegekräfte an Zeitarbeit das Mitspracherecht und die Verlässlichkeit bei Arbeits- und insbesondere Frei-Zeiten schätzen. In der Branche ein echter Luxus, denn gehört man erst einmal zur Stammbelegschaft, fällt „Nein“ sagen den Meisten schwer oder wird garnicht erst akzeptiert.

Würden Sie sagen, dass der Fachkräftemangel in der Pflegebranche größtenteils ein „hausgemachtes“ Problem ist?

Ja, die Probleme beginnen schon vor der Ausbildung. Der Altenpflegeberuf ist der einzige Ausbildungsberuf, in dem Azubis sich um Schule und Ausbildungsplatz häufig selbst kümmern müssen. Und wenn diese Hürde überwunden ist, ist das Berufsbild immer noch extrem anstrengend in der Ausübung. Die psychischen wie auch physischen Belastungen sind hoch und die wenigen Fachkräfte werden oft „verbrannt“.

Was muss sich ändern, damit sich die Lage wieder entspannt?

Damit der Pflegeberuf wieder an Attraktivität gewinnt, gibt es viel zu tun: Es müssen Ausbildungsstandards geschaffen werden sowie ein breiterer Zugang zur Berufsausbildung. Tarifpolitisch muss ebenso etwas getan werden: Warum gibt es keine Pflegekammer? Warum gehören die Altenpfleger zu den gewerblichen Berufen und nicht zu den „weißen Berufen“, den Heilberufen? Auch die Arbeitgeberseite muss ihre Hausaufgaben machen und beispielsweise durch neue Arbeitszeitmodelle oder die Aufstockung der Belegschaft für eine Entlastung des Personals sorgen. Statt immer nur zu fordern, sollte das Fördern einen höheren Stellenwert einnehmen: Prävention statt Rehabilitation. Nur so kann der Pflegeberuf ein ganzes Berufsleben lang ausübbar sein.

Wie denken Sie, wird sich die Branche in den nächsten Jahren entwickeln? Wo sehen Sie Ihre Rolle als Dienstleister in dieser Entwicklung?

Die Kehrtwende ist noch nicht eingeläutet. Es geht uns noch zu gut – trotz dramatischer Zahlen. Die Versorgung ist noch gewährleistet, aber das wird sich ändern. Und dann werden Dienstleister als Personalpartner auf Augenhöhe eine Pionierrolle übernehmen, indem wir von außen innovative Arbeitszeitmodelle implementieren.

Gibt es etwas, dass Sie dem Pflegemanagement in Seniorenheimen gerne mit auf den Weg geben möchten?

Viel. Suchen Sie sich einen Personaldienstleister, der nicht erst seit gestern in der Pflegebranche tätig ist, weil das Geschäft im kaufmännischen Bereich gerade nicht so gut läuft. Branchenerfahrung und Pflegekenntnisse zum Beispiel in der Abteilung Disposition sind von Vorteil. Zudem sollte er an Tarife gebunden sein sowie Zertifizierungen und die Einhaltung von Qualitätsstandards nachweisen können. Bleiben Sie im Dialog mit Personal, Bewohnern, Gästen wie auch Angehörigen. Klären Sie auf! Damit der Einsatz von externem Personal seinen schlechten Ruf verliert und als Unterstützung für alle gesehen werden kann.

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