Die Diskussion über einheitliche Hygienemaßen in Krankenhäusern beherrscht derzeit die Medien. Zwar steht mittlerweile fest, dass höchstwahrscheinlich nicht ein Hygienefehler verantwortlich für die Verseuchung von Nährlösung mit Darmbakterien ist, aufgrund deren im August 2010 an der Uniklinik Mainz drei Babys starben. Vielmehr soll eine beim Transport beschädigte Flasche die Verunreinigung verursacht haben. Dennoch ist der Druck auf die Verantwortlichen und die Politik weiterhin groß. Wir haben uns mit Dr. med. Klaus-Dieter Zastrow, einem der führenden Hygieniker in Deutschland über die Rückschlüsse unterhalten, die Betreiber und Mitarbeiter von Alten- und
Pflegeheimen aus der aktuellen Hygiene-Diskussion ziehen sollten.

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen unterscheiden sich doch hinsichtlich der hygienischen Anforderungen sehr voneinander – oder etwa nicht?

Die Mehrzahl der heutigen Bewohner von Alten- und Pflegeheimen wären früher als Patienten in den geriatrischen Abteilungen der Krankenhäuser versorgt worden. Infektionsprophylaxe war dort schon immer ein zentrales Thema – entsprechend gab und gibt es Hygienefachpersonal und entsprechende Hygienepläne. In Pflegeeinrichtungen ist das dagegen häufig nicht der Fall.

Seit 2005 gibt es doch die Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert Koch-Institut (RKI) „Infektionsprävention in Heimen“.

Die RKI-Empfehlung ist ein wichtiger Schritt zu mehr Hygienesicherheit in Pflegeeinrichtungen. Teilweise sind die Vorgaben aber sehr allgemein gehalten. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass bei den Heimleitungen bis hin zu den Pflegekräften eine große Unsicherheit herrscht, zum einen, weil die Empfehlung – keinen bindenden Charakter hat. Zum anderen bleiben viele Fragen unbeantwortet, was die praktische Umsetzung betrifft. Da es in vielen Einrichtungen keine speziell ausgebildeten Hygienebeauftragten gibt, muss das Personal schon über fundierte Kenntnisse verfügen, um entsprechend verantwortungsvoll und fachgerecht agieren zu können.

Wo sehen Sie die größten Hygiene-Defizite in Pflegeeinrichtungen?

Textilien sind quasi ein „blinder Fleck“ in der Hygienebetrachtung vieler Einrichtungen. Tatsache ist, dass nach der Händehygiene die hygienische Handhabung und Aufbereitung von Textilien mit zu den wichtigsten Maßnahmen zur Unterbrechung von Infektionsketten zählt. Die Vorgaben für die Aufbereitung von Krankenhauswäsche sind über die entsprechenden RKI-Richtlinien in Verbindung mit dem Hygienezeugnis des RALGütezeichens 992/2 für sachgemäße Wäschepflege mit einem hohen Sicherheitsgrad geregelt und das vor allem auch bindend. In Pflegeeinrichtungen dagegen wird die Bedeutung der bewohnerbezogenen Textilien häufig unterschätzt..

Was sagt denn die RKI-Empfehlung dazu?

Die RKI-Empfehlung sieht zumindest für nicht bewohnerbezogene Textilien, wie z. B. der Bettwäsche ganz klar vor, dass diese desinfizierend zu waschen sind. Wäsche und Kleidung der Bewohner dürfen entsprechend der RKI-Empfehlung dagegen wie Wäsche im Privathaushalt gewaschen werden. Während eines Ausbruchs von Erkrankungen mit Erregern, die durch Kontakt übertragen werden, sowie bei Personen mit bekannter MRSAKolonisation empfiehlt das RKI dagegen, Leibwäsche, Handtücher und Waschlappen wie Bettwäsche der betroffenen Bewohner desinfizierend zu waschen.

Soweit zur Theorie – wie sieht die Praxis Ihrer Erfahrung nach aus?

Gerade in größeren Einrichtungen muss man davon ausgehen, dass solche Erreger mittlerweile keine Seltenheit sind. Es gibt Schätzungen wonach die Besiedelungsraten mit gefährlichen Varianten des Bakteriums Clostridium difficile in Alten- und Pflegeheimen bei 30% liegt – im Vergleich zu 3% bei der sonstigen Bevölkerung. Die neuartigen Stämme produzieren krank machende Enterotoxine, entlassen diese in den Darm und verursachen dadurch verschiedene Formen von Durchfallerkrankungen. Mittlerweile ist C. difficile der wichtigste Erreger von Antibiotika-assoziierten Durchfallerkrankungen und Entzündungen der Darmschleimhaut, als deren Folge sich Komplikationen wie Darmdurchbruch, Blutvergiftung und das toxische Magacolon mit teilweise tödlichem Ausgang entwickeln können. Ein Grund für das vermehrte Auftreten ist u. a., dass die bewohnerbezogenen Textilien von verschiedenen Personen nicht in jedem Fall getrennt voneinander gewaschen und getrocknet werden. Auf diesem Wege können dann Keime von einem Bewohner zum anderen übertragen werden.

Wie lässt sich die Textilhygiene Ihrer Einschätzung nach signifikant verbessern?

Der Leitfaden zum Umfang mit „Textilien in Pflegeeinrichtungen“, der kostenlos über die Website www.waeschereien.de heruntergeladen werden kann, beinhaltet praxisnahe
Empfehlungen und Tipps. Ein Kernpunkt des Leitfadens ist die Empfehlung, Textilien aus Pflegeeinrichtungen generell desinfizierend zu waschen – auch die bewohnerbezogene Wäsche und die Kleidung der Mitarbeiter, wie es die Berufsgenossenschaft übrigens ohnehin vorsieht.

Welche Punkte werden vom Leitfaden „Textilien in Pflegeeinrichtungen“ noch abgedeckt?

Wichtig war es uns, nicht nur Einzelpunkte aufzuzeigen, die von den Pflegeeinrichtungen quasi abgehakt werden können. Vielmehr haben wir auf Initiative der Gütegemeinschaft sachgemäße Wäschepflege e.V. einen umfassenden Überblick über die Themenbereiche Hygiene und Infektionsprophylaxe erarbeitet. So widmet der Leitfaden sich z. B. sehr intensiv dem Thema Hygieneanforderungen an die Logistik in Pflegeeinrichtungen, dem Infektionsrisiko durch Wäsche und der Bettenhygiene. Außerdem haben wir zahlreiche Informationen zur Pflegbarkeit von textilen Materialien abhängig von Material, Färbung und Ausrüstung, Hinweise zur technischen Ausstattung sowie organisatorischen Abläufen im Bereich Wäscheservice und natürlich auch die technischen Anforderungen an Textilien in Pflegeeinrichtungen zusammengestellt. Last but not least haben wir Expertentipps zum Textileinkauf zusammengestellt, mit deren Hilfe hygienische, organisatorische und ökonomische Anforderungen gleichermaßen Berücksichtigung finden.

Welche abschließende Empfehlung möchten Sie den Betreibern und den Mitarbeitern von Pflegeeinrichtungen auf dem Weg geben?

Verschließen Sie nicht die Augen vor möglichen Hygienerisiken. Überall wo Menschen auf engem Raum miteinander interagieren tummeln, sich auch Krankheitserreger. In
Pflegeeinrichtungen haben sie aufgrund der gesundheitlichen Konstitution der Bewohner relativ leichtes Spiel. Dem kann man nur mit einem Höchstmaß von Konsequenz im
Bereich der Hygiene entgegenwirken. Betrachten Sie deshalb die Vorgaben des RKI und des Leitfadens „Textilien in Pflegeeinrichtungen“ nicht nur als unverbindliche Empfehlung, sondern als hygienischen Goldstandard für Ihre Arbeit.

Dr. Zastrow – wir danken Ihnen für das Gespräch

Kurzinfo

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