Eden-Alternative: Was Abspülen mit Lebensqualität zu tun hat

Eden-Alternative: Was Abspülen mit Lebensqualität zu tun hat 


Mitmach-Konzept entzerrt die Altenpflege


Frieda B. fischt gedankenverloren blaue Socken aus dem Wäschekorb. Noch drei Paar, dann ist die Wanne leer. Die alte Dame lächelt. Schon als Kind hatte sie ihrer Mutter gern beim Strümpfe-Sortieren geholfen. Heute ist Frieda B. 91 Jahre alt, lebt im Pflegeheim und legt die Wäsche des gesamten Wohnbereichs zusammen.


Im Martha-Maria-Stift gehört es zum Alltag, dass Bewohner mithelfen und mitbestimmen. Die Lindauer arbeiten seit fünf Jahren nach der Eden-Alternative. Ein amerikanisches Betreuungskonzept, welches die Hauptleiden des Alters in Langeweile, Einsamkeit und dem Gefühl nutzlos zu sein sieht.

„Auch im Alter wollen Menschen Gemeinschaft und sinnvolle Beschäftigung“, erklärt Heimleiterin Anke Franke den Ansatz. Zwar seien viele moderne Aktivierungsideen wie gemeinsames Basteln schön, passen aber nicht immer in die Lebensrealität der Bewohner. Franke: „Sie empfinden diese ‚künstlichen‘ Beschäftigungen als sinnlos.“ Was wiederum zu Frust führe.

 

Deshalb gilt in Lindau das Normalprinzip. Besucher sehen Bewohner abspülen, Essen anreichen oder eben Socken sortieren. Jeder kann und soll seinen Fähigkeiten entsprechend, den Heimalltag mitgestalten. So schiebt eine blinde Bewohnerin eine Dame im Rollstuhl. Die sehende Frau sagt dabei, wo’s langgeht. Beide unterstützen sich gegenseitig.

 

Alte und Kranke gehören dazu


Ein ebenso wichtiges Eden-Prinzip: Senioren gehören zur Gesellschaft und müssen nicht unter sich bleiben. „Alte oder kranke Menschen haben das gleiche Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft wie wir anderen“, weiß Franke. Deshalb unterstützt die 47-Jährige Projekte mit Kindern und Jugendlichen.

 

Jeden Donnerstag etwa wird der Gemeinschaftsraum zur Musikhalle. Dann singen, musizieren und tanzen zwölf Kindergartenkinder mit ebenso vielen Senioren. „Selbst Bewohner, die sonst schwer zu erreichen sind, strahlen dabei übers ganze Gesicht“, erzählt Franke. Zusätzlich ließen sich die Pflegebedürftigen von der Energie der Kleinen anstecken. Sie bewegen sich mehr, sind aktiver als an anderen Tagen. Und nicht nur Heimbewohner profitieren vom bunten Miteinander. „Es entstehen richtige Beziehungen“, freut sich die Heimleiterin.

 

Die Kinderbesuche sind Teil eines breitgefächerten Freizeitangebots, das gezielt generationsübergreifenden Kontakt zu Menschen außerhalb des Pflegeumfelds herstellt. Auch Tanznachmittage, Gemeindefeste oder spontane Ausflüge zum Kneipp-Becken stehen auf dem Plan.

 

„Seit wir die Eden-Alternative anwenden, ist die Einrichtung offener geworden“, sagt Franke. Und genau das ist das Ziel der Betreuungsphilosophie. Menschen aller Altersgruppen, Tiere und Gemeindemitglieder sollen in Pflegeheimen ein- und ausgehen. Wie das bei einer großen Familie selbstverständlich ist.

 

„Im Grunde geht es bei allen Eden-Grundsätzen darum, alte Menschen nicht außen vor zu lassen“, so Franke. Davon profitieren auch die Pflegekräfte. Seit Bewohner den Heimalltag aktiv mitgestalten, sei es durch Essenwünsche oder kleine Botengänge, sind sie fitter und brauchen weniger Hilfestellung. So bleibe mehr Zeit, wertschätzend zu unterstützen, wo es nötig ist. Denn auch darum geht es beim Eden-Konzept. Die Ressourcen der Mitarbeiter nicht zu verschleudern. Mehr als zehn Überstunden im Monat seien unüblich. Franke: „Wer regelmäßig entspannen kann, pflegt sorgfältiger.“

 

Autor: Leonhard Fromm, fromm [at] der-medienberater [dot] de